Gast-Interview mit Victor Chu: „Vaterliebe ist unersetzlich!“

Victor Chu - Vaterliebe

Victor Chu – Vaterliebe

Interview mit dem Psychotherapeuten Victor Chu über sein Buch „Vaterliebe“

Victor Chu, Jahrgang 1946, hat selbst drei Kinder und arbeitet seid Jahrzehnten erfolgreich als Psychotherapeut.

family unplugged: Herr Chu, Sie sind Psychotherapeut und wünschen sich aufgrund Ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen in Ihrem Buch eine größere, vor allem auch zeitliche Präsenz der Väter – warum  ist die Ihrer Meinung nach so wichtig?

Chu: Ich erzähle Ihnen eine private Geschichte: Ich hab ja im Laufe meiner beruflichen Laufbahn viele Seminare auch anderswo gegeben und einmal habe ich mich morgens bei meiner kleinen Tochter verabschiedet, die im Nachbarsauto saß auf dem Weg zum Kindergarten. Ich sagte ihr also auf Wiedersehen und dachte mir nichts dabei, aber dann sah ich durch die Glasscheibe des wegfahrenden Autos, dass sie weinte. Ich werde das Bild nie vergessen. Seitdem habe ich immer immer versucht, am Abend wieder zu Hause zu sein, bzw gar nicht erst so weit außerhalb zu arbeiten.

Bei mir selbst war es so: Wir lebten, als ich klein war, in Hongkong und mein Vater verabschiedete sich eines Tages, um nach Deutschland zu gehen. Es sollte nur für einige Wochen sein, aber er blieb sechs Jahre fort – und ich kann deshalb sagen, was am meisten fehlt, wenn Väter nicht da sind: einfach ihre bloße Anwesenheit. Das sichere Gefühl: da ist jemand, der auf uns aufpasst, der für mich sorgt – der aber vor allem auch für meine Mutter sorgt. Viele Menschen, die ich heute als Psychotherapeut begleite, tragen ein Leben lang das Gefühl mit sich herum, für einen alleingebliebenen Elternteil sorgen zu müssen – so ist Elternschaft nicht gemeint und die psychologischen Folgen für die „Kinder“ sind nicht zu unterschätzen.

family unplugged: Der Vater als Beschützer, das klingt irgendwie unmodern oder archaisch, finden Sie nicht?

Chu: Ist es eben nicht. Das ist meiner Meinung nach die Schlüsselrolle, die viele Männer und Väter heute unterschätzen: einfach da sein, Halt geben. Viele fühlen sich ausgeschlossen vor allem in den ersten Still-Monaten, aber ihre Funktion als Beschützer und Stütze ist wichtig. Auch später ist es für die Kinder sehr wichtig zu wissen: da ist jemand, der sich auch um meine Mutter kümmert. Die Partnerschaft ist der Tragbalken jeder Familie. Auch in dieser Funktion ist der Vater unersetzlich.

Ich erzähle in meinem Buch die Geschichte wie ich mit meiner Familie im Zoo war und wir ein Gorilla-Männchen sahen, das das Weibchen und das Junge aggressiv vor den Blicken der Zoobesucher beschütze. Meine Frau sagte damals: „So hätte ich Dich auch gebraucht.“

Ein anwesender Vater ist aber auch als Vorbild wichtig: Jemand, dem ich zusehen kann, wie er ein Mann ist, wie er seinen Alltag draußen bewältigt. Und nicht zuletzt als prägende männliche Person für spätere eigenen Partnerschaften.

family unplugged: Aber ist es nicht heute längst so, das Väter einen viel besseren Draht zu ihren Kindern haben? Ist das nicht eher ein Problem der vorherigen Generation: der ferne Vater?

Chu: Einerseits ja und ich sehe das mit Freude, dass Väter viel weniger streng und unnahbar sind, viel körperlicher und zugewandter, aber die riesige Scheidungsrate spricht eine eigene Sprache. Denn sobald Eltern getrennt sind, fallen die Väter oft in die ratlose Rolle zurück und fühlen sich nicht mehr recht verantwortlich, weil sie sich nicht gebraucht fühlen. Da kommen dann die alten Schemata wieder durch. Dabei kann kein väterlicher Freund und kein Patchwork-Papa den eigenen Vater und seinen Blick auf mich ersetzen.

family unplugged: Aber was können denn Väter ganz konkret tun, um sich gerade auch in den ersten Monaten nicht direkt überflüssig zu fühlen?

Chu: Die Mutter versorgen, ihr und dem Kind ermöglichen, wieder zu Kräften zu kommen. Aber vor allem auch: ganz viel körperliche Nähe suchen. Mütter und Kinder haben naturgemäß ein selbstverständlicheres körperliches Verhältnis zueinander, aber als Vater kann man die Nähe auch ganz bewusst suchen. Vor allem, indem man bei der Geburt dabei ist, dem Wunder beiwohnt- oder ganz konkret Nächte übernimmt, wenn die Mütter erschöpft sind. Und wenn man sich der Rolle als Beschützer bewusst ist, macht das auch sehr viel wett. Die alte Männlichkeit der Machtdemonstration über Frau und Kind brauchen wir nicht mehr, die spürbare männliche Stärke schon.

Familie unplugged: Sie sagen, dass Sie sich wünschen, dass beide Partner Arbeit und Fürsorge für die Kinder möglichst gleichberechtigt anteilig übernehmen – warnen aber gleichzeitig vor einer großen Unruhe in der Familie. Ist das denn aus Ihrer Sicht als Psychotherapeut wünschenswert für die Kinder, diese Unruhe?

Chu: Ich weiss nicht, ob es wünschenswert ist, aber es ist unvermeidlich, dass Frauen mehr arbeiten werden, weil sie zuhause oft sehr unzufrieden sind und natürlich auch berufliche Wünsche und Ambitionen haben. Männer wären auch unzufrieden, wenn sie sich nur um häusliche Belange kümmern und alles andere ruhen lassen sollten.

Aber ich sehe schon klar und weiß es auch aus eigener Erfahrung, dass je mehr Kinder im Haus sind, es immer schwieriger wird, das umzusetzen, dass beide viel arbeiten. Bei uns mit unseren drei Kindern ist letztendlich auch meine Frau daheim gebliebenen; das muss ich ehrlich sagen. Aber ich bereue heute sehr, nicht beruflich mehr zurückgesteckt zu haben, um für die Kinder da zu sein. Wir selbst werden auch deshalb jetzt in ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt ziehen und uns da einbringen, um junge Familie zu unterstützen.

family unplugged: Also ist es eher ein privates Problem, wie man das regelt, Vereinbarkeit und Absicherung?

Chu: Mitnichten. Aber wir geben den Familien und den Frauen heute leider immer noch Gefühl, dass das alles ihr privates Problem ist. Da wird ein großes gesamt-gesellschaftliches Thema ins Private geschoben und das kann nicht richtig sein.

Ich habe eine Vision, dass junge Eltern weniger arbeiten müssen, unterstützt von der Gesellschaft. Wenn die Kinder groß sind, können sie wieder voll in den Beruf einsteigen, um dann andere junge Familien zu unterstützen.

Derzeit ist diese Aufbauphase völlig überfrachtet mit allem möglichen. Dabei ist die Hauptaufgabe der jungen Familien, sich um die Kinder kümmern zu können. Aber jetzt wo durch den Fachkräftemangel auf einmal wieder alle Frauen beruflich aktiviert werden sollen, sind doch alle überfordert.

Ich betreue viele Klienten in meiner Praxis, die im System der DDR großgeworden sind und  ab der sechsten Lebenswoche in der Krippe waren. Sie haben heute schwer mit der Beziehungslosigkeit zu ihren Eltern zu kämpfen; das kann es auch nicht sein, was wir wollen. Ich betrachte das mit großer Sorge.

family unplugged: Sie gehen in Ihrem Buch sehr stark darauf ein, dass die Erlebnisse und Konstellation in der „Herkunftsfamilie“ der Eltern eine große Rolle spielen, ob die eigene Elternschaft gelingt. Was macht man denn, wenn man zu Hause zerrüttete Verhältnisse hatte – kann man es dann überhaupt schaffen?

Chu: Aber ja. Ich kämpfe da gegen den Fatalismus! Man kann auch eine gute Familie haben, wenn man es selbst schwer hatte – ich bin ein gutes Beispiel dafür, mein Eltern hatten es sehr schwer miteinander und haben nur gestritten.

Ich empfehle einfach, sich helfen zu lassen, wenn man merkt, dass einen manches wieder einholt.

Denn darin besteht ja auch das Großartige und die Chance, wenn man selbst Kinder bekommt: Man durchlebt alles von vorn, man erlebt ein zweite Kindheit und jedes Kind ist eine Chance es besser zu machen – wenn man sich nicht scheut, sich helfen zu lassen.

Meine Frau und ich haben uns zum Beispiel versprochen, dass wir eine Paartherapie machen, bevor wir uns trennen – wir haben das durchaus einige Male in Anspruch nehmen müssen, und es hat sehr geholfen; wir sind bis heute zusammen. Ich selbst  habe einige Therapien hinter mir um meine Kindheit aufzuarbeiten und das hat mir sehr geholfen, meinen eigenen Kindern näher zu kommen. Ich kann das nur empfehlen: keine Scheu vor Hilfe.

family unplugged: Sie sprachen die Scheidungsrate an, warum ist die denn Ihrer Meinung  nach so hoch?

Chu: Nun ja, viele suchen heute nach einem erfüllten Leben, nach Erfüllung ihrer individuellen Wünsche, nach Selbstverwirklichung; und die materielle Abhängigkeit der Frauen ist nicht mehr so groß wie früher, so dass man schneller an Trennung denkt. Aber ich habe da meine Eltern vor Augen, die wirklich eine schwierige Ehe hatten und oft kurz vor der Scheidung standen: Aber im Alter haben sie wieder zusammen gefunden und mein inzwischen verstorbener Vater erscheint meiner Mutter heute jede Nacht im Traum, um einfach bei ihr zu sein. Man kann sich nicht EINFACH trennen. Das gebe ich zu bedenken. Aber ja; eine gute Ehe und eine tragfähige Liebe bedeuten Arbeit. Um die anzugehen, muss man sich darüber klar sein, dass eine glückliche Eltern-Beziehung die Grundvorraussetzung glücklicher Kinder ist.

family unplugged: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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