Hintergrund – Petra & Steffen

Als sich Petra und Steffen kennenlernten während Ihrer Ausbildung zum Handelsökonom/In bei Ikea war für beide klar, dass sie eines Tages Kinder haben wollten. Sie schlossen ihre Ausbildung ab, heirateten und bekamen vor  Jahren das absolute Wunschkind Chiara.

Als sie geboren wurde, blieb Petra ein Jahr zu Hause, während ihr Mann Steffen weiter arbeiten ging. Er sattelte noch eine Ausbildung zum Betriebswirt drauf und ging dann als Bezirksleiter Nord zu NanuNana. Ein Job, bei dem ihm 20 Filialen unterstellt waren und mit dem die Familie ein gutes Auskommen hatte.

Nach einem Jahr zu Hause empfand Petra es dann an der Zeit und ausgesprochen normal und erstrebenswert, bald wieder in den Beruf einzusteigen. Sie fühlte sich emanzipiert und aufgeklärt und focht das alles durch – obwohl die Bedingungen in Schleswig-Holstein zu dem Zeitpunkt denkbar schlecht waren. Und so gab sie Chiara mit 12 Monaten in die Krippe und Petra ging Vollzeit wieder arbeiten – als Einkäuferin bei Blume 2000. Die halbe Stunde Fahrtzeit nahm sie in Kauf. Zu Stoßzeiten wie Valentinstag oder Ostern betrug ihre Arbeitszeit 16 bis 18 Stunden am Tag. Chiara sah sie kaum noch.

Wenn Chiara krank war, versuchten sich beide zu zerreißen, einen halben Tag blieb sie zu Hause, einen halben Tag ihr Mann. Sie traute sich im Büro noch sagen warum, ihr Mann aber täuschte lieber eine eigene Magendarmgrippe vor als zu sagen, dass er wegen seines kranken Kleinkindes nach Hause muss. Ansonsten wurde im Bedarfsfall Antibiotikum  eingesetzt oder Fieberzäpfchen damit das Kind schnell wieder fit ist und die Eltern arbeiten gehen können.

 

Eines Tages, kurz vor Chiaras 3. Geburtstag war dann beiden klar, dass es nicht so weitergehen konnte. Petra kündigte ihren Job und nahm eine Teilzeitstelle als Verkäuferin im Reformhaus an. Heute bekommt sie eine große innere Wut und Schweißausbrüche, wenn sie bedenkt, was sie ihrem Kind und sich selbst angetan haben während dieser Krippenzeit, sagt sie. Welche wertvollen Jahre sie verpasst haben. Nun versucht die Familie aufzuholen, was sie verpasst hat.

Chiara ist inzwischen acht und geht zur Schule, ihre Mutter hat den Job im Reformhaus verloren, als sie nur noch bis 12 arbeiten wollte, um nach der Schule für ihr Kind da zu sein. In den Hort geben will sie Chiara nach all dem nicht und sie ist damit das einzige Kind in der Klasse, das mittags nach Hause geht.

Chiaras Vater ging in den Jahren zuvor ebenfalls fast vor die Hunde. Er betreute wie gesagt 20 NanuNana Filialen, die von Stralsund in Mecklenburg bis Leer in Ostfriesland lagen. Er saß nur im Auto und kam nach eigenen Worten „kaum zum Arbeiten“. Als er versuchte, diese Zeitverschwendung im Unternehmen zu seinen Gunsten und so letztendlich auch zugunsten der Firma zu optimieren, legte man ihm nahe zu gehen. Das halbe Jahr der Übergangszeit nutzte er, um eine Ausbildung zum Tagesvater zu machen. Auch wollte er mehr Familienzeit haben und wollte das mit dem Beruf des Tagesvaters verbinden.

 

Er bekam Ende 2012 Förderung vom Arbeitsamt, dachte sich ein ambitioniertes pädagogisches Konzept mit viel frischer Luft  und Erlebnispädagogik aus und kam dabei auf einen Stundenlohn für 6 Euro pro Kind, um den Job als Tagesvater nach seinen eigenen Ansprüchen gut gut zu machen und dabei auch etwas verdienen zu können. Er war randvoll bis obenhin mit (5) Tageskindern – bis die örtliche Schule ihren Hort erweiterte, ohne Personal aufzustocken. Der Stundenlohn von 3 Euro dort, machte ihm dann seine Geschäftsidee kaputt. Alle Eltern sprangen ab, weil der Hort günstiger war.

Steffen musste wieder umsatteln und hat heute erfolgreich eine Ein-Mann-Firma aufgebaut, in der er sich quasi als Hausmeister/Gärtner Deluxe verdingt, Studium hin oder her. Es läuft gut: Heute kann er in Vollzeit einigermaßen davon leben. Reich wird er mit seiner Hände Arbeit nicht. Zurück in die alte Mühle will er trotzdem nicht; ihm macht die Arbeit an der frischen Luft und vor allem der menschliche Umgang mit den Kunden Spaß.

Petra hat sie sich jetzt ebenfalls selbstständig gemacht – allerdings in Teilzeit. Sie gibt Abend-Kochkurse für Veganer, damit sie arbeiten kann, wenn Chiara schon schläft, und sie verkauft Samstags, Freitags und Mittwoch Vormittags vegane Kost aus eigener Herstellung und Öle auf Wochenmärkten.

Beide haben alles gekündigt, was unnötige Kosten verursacht. Von der ADAC Mitgliedschaft bis zum Handyvertrag – stattdessen gibt es jetzt ALDI Prepaid und eben ein paar Jahre keinen Urlaub.

Aber den haben sie aber auch nicht mehr so nötig wie früher, sagen sie heute.

 

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