Liebe und Haushalt…

…aus der Sicht einer jungen Professorin und Familienexpertin, die sich seit Kindertagen mit dem Thema beschäftigt:

Pia Schober, 36 Jahre, Soziologieprofessorin mit Schwerpunkt Mikrosoziologie über gefühlte Arbeitsbelastungen und unterschiedliche Sauberkeitsstandards.

(Das Interview wurde 2009 geführt – an den geschilderten Fällen und Fakten hat sich nichts verändert…)

Wie steht es heute um die Gerechtigkeit im Haushalt?

Da gibt es nach wie vor eine klare Aufgabenhierarchie. Die Gesamtverantwortung für den Haushalt liegt stärker bei der Frau wie mehrere Studien zeigen. Und eine Elternschaft verändert das Leben der meisten Frauen immer noch mehr als jenes ihrer Männer. Mütter reduzieren entweder ihre Erwerbstätigkeit viel stärker oder nehmen eine Doppelbelastung durch einen Fulltimejob und der Hauptverantwortung für die Kinder in Kauf.

Und wie ist die Arbeit verteilt, auf konkrete Aufgaben bezogen?

Am wahrscheinlichsten beteiligen sich Männer am Essen einkaufen und abwaschen. Erst danach kommt das Kochen. Beim Putzen und Wäsche waschen halten sie sich weitest gehend raus.

Empfinden die Familien diese Schräglage auch tatsächlich als unfair?

Nicht unbedingt. Die gefühlte Arbeitsbelastung ist tatsächlich oft sehr anders als die tatsächliche. Da spielen zwei Dinge mit rein: Es gibt immer noch Familien, in denen die Erwerbstätigkeit der Frau nicht als Normalität angesehen wird, sondern als ihr Privileg, als Mittel zur Selbstverwirklichung – und nicht als ökonomische Selbstverständlichkeit. Die Einschätzung übernehmen die Frauen offenbar für sich selbst. Denn qualitative Studien zeigen auch, dass sich Männern im Gegensatz zu Frauen einfach nicht zuständig fühlen für die Hausarbeit und auch viel geringere Sauberkeitsstandards haben als ihre Partnerin.

Wovon hängt diese gefühlte Arbeitsbelastung ab?

Die gefühlte Anstrengung hängt nicht nur vom zeitlichen Aufwand ab, sondern viel mehr von der Anzahl der Unterbrechungen während einer Aktivität. Das heißt zum Beispiel ich muss das Abendessen zubereiten, zwischendurch die Tochter trösten, die sich gestoßen hat und gleichzeitig den kleinen Sohn davon abhalten, das Badezimmer unter Wasser zu setzen. Typisches Multitasking eben. Das ist sehr viel stressiger als wenn ich eine Aufgabe nach der anderen erledigen kann.

Wer hat den meisten Stress in den verschiedenen Arbeitmodellen?

Insbesondere die Frauen, die Teilzeit arbeiten, leiden unter einer sehr viel höheren Belastung. Weil sie arbeiten, aber trotzdem noch Haushalt und Kinderbetreuung stemmen, dafür aber nicht dieselbe Zeit zur Verfügung haben wie Vollzeit-Hausfrauen. Was verstärkend hinzu kommt, ist, dass sie kaum Arbeit „outsourcen“, also an Dienstleister oder andere an Leute aus dem persönlichen Umfeld delegieren.

Warum geben die Frauen keine Arbeit ab?

Da stehen sich oft Praxis und Gefühl gegenüber. Die Frauen halten gern daran fest, Expertin und Hauptbezugsperson für das Kind sein zu wollen. Mir kommt es manchmal so vor, dass die Mütter die nervigen Routinearbeiten zwar gern teilen möchten, aber ungern abgeben, wenn es um die intensive Beziehung zum Kind geht. Ich glaube, die wenigsten Mütter treffen da bewusste Entscheidungen den Vater raus zu halten. Sie wollen zwar, dass der Partner ein aktiver Partner ist, aber dann schaffen sie es nicht, ihm auch die Freiheit zu lassen, Dinge so zu machen wie er meint.  (…)

Welche Rolle spielt der Beruf für diese engagierten Mütter?

Auch da lässt sich ein rollentypisches Zögern feststellen. Wenn verschiedene Optionen zu Wahl stehen, das heißt, es ist möglich auch Teilzeit oder für wenig Geld zu arbeiten, dann meiden die Frauen die Hauptverantwortung fürs Geld verdienen eher als Männer. Und es gibt auch Studien, die zeigen, dass Männer froh sind, wenn sie nicht die volle Verantwortung für etwas im Haushalt übernehmen müssen. Die sehen ihre Inkompetenz durchaus als vorteilhaft.

Was für eine Rolle spielen der Haushalt und die Arbeitsbelastung bei der Entscheidung für oder gegen Kinder?

Eine holländische Studie zeigt, dass Männer und Frauen die Konsequenzen einer Entscheidung für Kinder für sich selbst unterschiedlich einschätzen – was ja auch die Realität widerspiegelt: Männer erwarten kaum negative Effekte auf ihre Karriere, aber sehr wohl auf ihre individuelle Autonomie, Frauen für beides.

Ihre eigene Familiengeschichte hat ja ihr Forschungsinteresse für den Haushalt stark beeinflusst – inwiefern?

Weil ich bei meinen Eltern mitbekommen habe, dass das der Bereich ist, wo die Geschlechterrollen noch weiter hinterherhinken als im Arbeitsmarkt. Und wo die Effekte noch nicht soviel Beachtung finden, weil es weniger Statistiken dazu gibt. Emotionale Konsequenzen sind eben schwer messbar. Trotz ihrer attraktiven Karriere gab es für meine Mutter berufliche Chancen, die sie nicht genutzt hat. Sie war immer dadurch beschränkt, dass mein Vater nicht bereit war, mehr Kindererziehung und Haushalt zu übernehmen. Aus heutiger Sicht spielen da die sozialen Normen eine große Rolle. Umgekehrt hatte meine Mutter auch Schuldgefühle. Das wurde von außen noch verstärkt, weil sie sich auch von Fremden, unter anderem von meiner Schuldirektorin, anhören musste, was für eine Rabenmutter sie sei. Obwohl ich übrigens eine sehr gute Schülerin war.

Wie sah Ihr Kinderalltag aus im Vergleich zu anderen Familien?

Es gab insgesamt mehr Stress als in anderen Familien, weil die Wochentage inklusive Kinderbetreuung komplett durchgeplant waren. Jeder musste wie eine Maschine funktionieren, weil der Plan sonst zusammenbrechen würde. Und das war etwas, das einfach nicht passierten durfte – was den Druck noch weiter erhöht hat.

Außerdem war das Ego meines Vaters doch sehr gedämpft, weil er für größere finanzielle und auch für andere Entscheidungen immer meine Mutter fragen musste. Was seine Kollegen, also seine Peer Group sozusagen, nicht mussten. Meine Mutter hat ihm ihren Erfolg auch gern mal unter die Nase gerieben. Spannungen gab es auch immer dann, wenn meine Mutter ihr Einkommen als „Hauptverhandlungsmittel“ eingesetzt hat, um meinen Vater dazu zu bringen, sich mehr um mich zu kümmern.

Hat ihr Vater mehr im Haushalt übernommen als ihre Mutter?

Nein, eben nicht. Für meine Mutter war die Belastung enorm hoch, weil sie trotz langer Arbeitswochen noch deutlich mehr als 50 Prozent im Haushalt gemacht hat und aus Prinzip keine Putzfrau wollte. Ich glaube, weil sie allen zeigen wollte, dass sie den Teil trotzdem schafft und kann, sogar besser als eine Putzfrau.

Was ist ihrer Meinung nach die beste Lösung für eine Vereinbarkeit von Familie und Job?

Externe Kinderbetreuung von hoher Qualität ist natürlich eine wichtige Voraussetzung, und mit ein wenig Flexibilität bei beiden Partnern, können Mütter und Väter auch einen anspruchsvollen Beruf haben. Aus meiner Sicht gibt es aber auch Grenzen der Organisation und des Outsourcing von Kinderbetreuung, weil die Emotionalität leidet. Wenn gar keine Zeit mehr bleibt für Gefühle und Spontaneität bleibt, weil alles so durchgeplant ist oder weil beide Eltern oft müde, angestrengt und gereizt sind, dann leidet das Familienleben sehr. Sowohl die Beziehung zwischen den Partnern als auch jene mit den Kindern.

Wäre nicht schon viel getan, wenn die Väter sich mehr einbringen?

Das sehen die meisten Wissenschaftler in meinem Bereich so, aber für mich bleibt es eine große Frage, ob eine Umverteilung von Kinderbetreuung auf externe Einrichtungen nicht leichter zu erreichen ist als eine stärkere Involvierung der Väter. Das wird wohl noch ein längerer Prozess.

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