Liebe Eltern guter Schüler

Liebe Eltern aller guten Schüler,
liebe Erziehungsberechtigte all der Kinder, die sich tatsächlich, ohne gebeten, angebettelt, gezwungen oder erpresst worden zu sein, an ihre Hausaufgaben setzen.

Ich meine die Kinder, an deren Zimmer man vorbeikommt und aus den Augenwinkeln wahrnimmt, dass sie sich über den Schreibtisch beugen und irgendetwas erledigen, was erledigt werden muss. Diesen Anblick kenne ich nicht.

Ich würde Euch gern um Nachsicht bitten. Wenn wir uns auf der Straße oder vor der Tür des Klassenzimmers begegnen und ihr im Vorbeigehen denkt: Kann die vielleicht auch mal „Guten Morgen“ sagen? Oder an einem Sonntag beim Brötchen holen: Die Sonne strahlt, und Ihr fragt Euch, nachdem ich mit düsterer Miene und einem knappen Nicken an Euch vorbei bin: Warum hat die eigentlich an einem so wunderschönen Tag so beschissene Laune? Es hat natürlich nichts mit Euch zu tun. Und natürlich haben auch die Eltern guter Schüler Probleme, aber eben nicht dieses eine… Das manchmal alles andere überlagert, als gäbe es sonst keine Sorgen. Weil es eben nicht nur einen schlechten Tag betrifft, sondern die ganze Woche, das ganze Schuljahr…und wenn ich jetzt realistisch nach vorne blicke, wird es auch die nächsten fünf Jahre so bleiben. Ich möchte euch gern wissen lassen, was Euch erspart bleibt. Zu meiner Entlastung, o.k.?

An diesem Sonntag habe ich vor dem Brötchen holen eine Einladung zur Schulkonferenz bekommen, Wegen fehlender Hausaufgaben. Lieber wäre mir Montagmorgen gewesen, aber auch Klassenlehrer haben ja noch etwas anderes zu tun, als sich dauernd um die zu kümmern, die nicht von allein laufen…

Das familieninterne Problemgespräch folgte dann auch gleich am Sonntagmorgen, weil man die Sache natürlich nicht den ganzen Tag mit sich rum schleppen kann, ohne zu implodieren. Also implodiert für kurze Zeit das Familienleben – am Ende Geschrei, zugeknallte Türen und der gemeinsame Ausflug fällt auch ins Wasser, weil keiner mehr Bock auf den anderen hat. Ich will kein Mitleid, wirklich nicht, ich möchte nur, dass Ihr Folgendes seht: Es ist ein großer Unterschied, ob ein Kind zum Beispiel um Unterstützung bittet, damit aus einem bevorstehenden Referat eine eins statt einer zwei wird. Oder ob ein Kind die Tatsache, dass es überhaupt ein Referat gibt, unter den Tisch fallen lässt und man erst im Nachhinein erfährt, dass da leider nichts bewertet werden konnte.

Es ist auch ein Unterschied, ob man in einer Partnerschaft die üblichen Vereinbarkeitsprobleme zu bewältigen hat oder die Woche ein paar weitere Unberechenbarkeiten bereithält, die in Tränen enden. Auf beiden Seiten. Es ist ein Unterschied, wenn man entspannt dem Gedanken nachgeht, ob das Kind vielleicht ein bilinguales Abitur ansteuern könnte. Oder ob man sich Sorgen machen muss, dass es jemals Abitur machen wird. Obwohl beide Eltern studiert haben. Das ist eigentlich nicht vorgesehen, schon gar nicht in irgendeiner Bildungsdebatte. Und deshalb müssen wir als gut ausgebildete Mittelschichtseltern die Schulprobleme unseres Kindes selbst in den Griff bekommen. Machen wir. Es gibt da nur ein paar Fragen, zum Beispiel: Schaffe ich meinen Job überhaupt noch, wenn ich weiter über Jahre damit beschäftigt sein werde, dieses Kind durch die Schule zu zerren? Will und kann ich das noch oder lasse ich die Sache einfach gegen die Wand fahren?

Liebe Eltern guter Schüler, ich kann mir vorstellen, was in euren Köpfen abginge, wenn ich es tatsächlich drauf ankommen ließe …

Und das ist einer der vielen Gründe, warum ich mich noch mal zusammenreiße. Ich wollte euch, wie gesagt, nur wissen lassen, was euch erspart bleibt. Und warum Ihr es bitte nicht persönlich nehmen solltet, wenn ich beim Brötchen holen wortlos an euch vorbei gehe …  Unter anderem weil ich auf Euch neidisch bin. Könnt Ihr das verstehen? Danke für Eure Aufmerksamkeit.

Eine von Family Unplugged

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