Meine Rente würde niemals reichen, um davon als alte Frau zu leben. Selbst schuld?

Julia Schmidt-Jortzig ist verheiratet und Mutter dreier Kinder. Sie hat Politologie, Geschichte und Kunstgeschichte in Berlin  studiert und an  der Oxford Brookes University abgeschlossen. Bereits während des Studiums jobbte sie als freie Journalistin für Printmedien.

Seid ihrem Volontariat beim NDR arbeitet sie „on and off“ als Fernsehjournalistin für ARD „Titel Thesen, Temperamente“, NDR „Kulturjournal“, WDR „frauTV“, WDR „Westart“ und ARTE „Metropolis“. Sie ist verheiratet, hat wegen ihrer drei Kinder immer wieder berufliche Auszeiten genommen und lebt nach Stippvisiten in London, Hamburg, Moskau, Rostock und Bonn nun vor den Toren Hamburgs.

„Meine Mutter war alleinerziehend und notgedrungen voll berufstätig. Vieles blieb dabei auf der Strecke: gemeinsames Mittagessen in der Woche, Nachmittagsverabredungen, Instrumente, Sport – all das war für meine ansonsten sehr zugewandte, liebevolle Mutter kaum zu leisten. Als meine Kinder geboren wurden, habe ich es als unendliches Glück empfunden, ihnen all das bieten zu können. Sie von anderen betreuen zu lassen, um arbeiten zu gehen, schien mir deshalb jedes Mal ein Frevel an meinem und an ihrem Glück.

Und doch tat ich es immer wieder, denn ich liebe meine Arbeit. Außerdem habe ich schnell zu spüren bekommen, dass das Interesse auf Parties deutlich größer war, wenn ich erzählte, ich sei Journalistin, als dass ich „nur“ Mutter von drei Kindern sei. Auch das ist in Deutschland Realität.

Jedes Mal ging es dann mit dem Arbeiten ganz leidlich – aber auch nur weil ich Freiberuflerin mit eigener Zeiteinteilung bin und viel Zuhause arbeiten kann. Und jedes Mal war ich froh, die frustrierende Hausarbeit hinter mir zu lassen. Denn weil ich einigermaßen bezahlt werde, kann ich mir Hilfe leisten; ein Privileg, das ist mir klar.

Und über eines gibt es aber keinen Zweifel: Ich kann nur deshalb relativ wenig arbeiten, weil mein Mann mit einem Fulltime-Job das Hauptgeld nach Hause bringt. Soviel zu Schein und Sein: Ich wirke hier wie ein Working Mom, die drei Kinder hat und nebenbei noch viel arbeitet, aber in Wahrheit leben wir das klassische Modell, das die Allermeisten fahren: Er Vollzeit, sie Teilzeit.

Und doch: Auch ich habe meine fiebernden Kinder bei wichtigen Terminen mit Zäpfchen gedoped in den Kindergarten gegeben. Ich hab zu Hause rumgeschrien, weil es dann doch immer mehr wurde, als ich wollte und ich völlig überfordert war. Wenn meine Kinder auf der Bettkante noch reden wollten, hab ich abgelockt, weil ich schon Schüttelfrost vor Erschöpfung hatte. Mein Mann und ich haben uns oft die Klinke in die Hand gegeben und nicht selten muss ein Teil des Wochenendes dran glauben. So sieht’s aus, nicht nur, aber auch. Das Geld, das ich verdiente, ging oft fast komplett für Kinderfrau, Kindergarten und Aupairmädchen drauf, damit ich so flexibel arbeiten konnte, wie ich muss und die Kinder es trotzdem gut haben. Oft denke ich, dass es das ist, was uns alle heute so anstrengt: ALLES haben zu wollen. Oder dass uns weißgemacht wird, es sei möglich.

Unterm Strich bleibt für mich: Mit jedem Kind wurde es schöner  – aber mit einer Festanstellung oder gar im Schichtbetrieb wäre ich untergegangen. Zumal sich meine Priorität von Kind zu Kind ganz bewusst mehr und mehr auf Familie verschob: Ich bin in das grundsätzliche Glücksgefühl, Kinder täglich zu begleiten – auch bei der Suche nach dem Turnbeutel – mehr und mehr reingewachsen und will es nicht mehr hergeben. Für keinen Job der Welt.

In all den Jahren als berufstätige Mutter von drei Kindern habe ich deshalb vor allem eins gelernt: Damit alle einigermaßen zu ihrem Recht kommen, muss man sich als Familie ständig neu aufstellen, sich immer wieder anpassen, auch mal pausieren, wenn es knirscht. Für mich ist Family Unplugged deshalb ein unerschöpflicher Pool an Lebensentwürfen, die ich ausprobieren könnte.

Wir haben alle die Freiheit dazu – auch wenn Entscheidungen immer einen Preis haben. Im Moment allerdings würde auch ich ihn (wie so viele Mütter) allein bezahlen , wenn in unserer Ehe etwas anbrennt: Meine Rente würde niemals reichen, um davon als alte Frau zu leben. Selbst schuld?“

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