Hintergrund – Ines und Dani

Exposé

Ines, Teamleiterin im Vertrieb eines großen Telekommunikationsunternehmen, und Dani, selbstständige Trainerin und Physiotherapeutin, aus NRW, ein Sohn, Levi (November 2015 geboren)

 

Dani und Ines haben sich über die Liebe zum Sport kennen gelernt, beide sind Triathletinnen und am liebsten so oft und so lange wie möglich draußen. Gemeinsame Zeit verbringen sie lieber in der Natur als auf der Piste, auch wenn sie gern und oft auf private Partys gehen. Die beiden Frauen sind relativ schnell zusammengezogen, unter anderem weil Ines sowieso gerade eine neue Wohnung suchte. Aber vor allem wollten beide herausfinden, ob es klappt und „ob die Liebe ausreicht“ für den Alltag. Erst dann haben sie sich entschieden, dass sie ihr Leben zusammen verbringen und heiraten möchten. (Der korrekte Begriff wäre vielleicht „verpartnern“, da eine eingetragene Lebenspartnerschaft noch immer nicht denselben rechtlichen Rahmen hat wie eine Ehe, mehr Infos dazu in der Infobox.)

 

Der Kinderwunsch

Ihren Kinderwunsch haben Ines und Dani „mit in die Ehe gebracht“. Dani kommt aus einer kinderreichen Familie. hat schon als 7jährige auf die kleinen Kinder ihrer sehr viel älteren Schwester aufgepasst und schon damals den Entschluss gefasst, irgendwann Mutter zu werden. Ines war etwas zögerlicher, hatte mit Anfang 30 noch keine konkreten Pläne für ein Kind, aber die Sehnsucht ist langsam aber stetig gewachsen, je älter sie wurde

Bis zu dem ersten Versuch einer künstlichen Befruchtung sind ca. anderthalb Jahre vergangen, in der sich die beiden intensiv mit dem Thema Kinderkriegen auseinandergesetzt haben. Ihre Frauenärztin haben sie eingeweiht und wurden von ihr begleitet bei der Suche nach dem richtigen Rahmen und der richtigen Methode, die zu ihren Wünschen passt. Ines und Dani haben sich zunächst im Freundeskreis nach einem schwulen Mann umgeschaut, der als Vater in Frage käme. Es gab aber niemanden, der auch den Wunsch hatte, Papa zu werden. Die Idee, einen potentiellen Vater über ein Forum im Netz zu finden, haben beide schnell wieder verworfen, weil sie Sorgen hatten, dass sich ein Unbekannter vielleicht nicht in ihre kleine Familie einfügen würde. Es gab auch kurz die Idee für eine Insemination nach Belgien oder Holland fahren, wo diese Behandlung auch alleinstehenden bzw. lesbischen Frauen offen steht. Für mehrere Versuche hätte sie allerdings mehrere Reisen und Kurzurlaube einplanen müssen, was nur sehr schwer mit dem Berufsalltag der beiden Frauen zusammen gegangen wäre. Schließlich haben sie sich eine Behandlung in Deutschland, in der Uniklinik Essen, entschieden. Am Ende aller Abwägungen war es beiden lieber, dass der Vater anonym bleibt, um Verwicklungen zu vermeiden. Für die Behandlung am Zentrum für Reproduktionsmedizin mussten beide ihre Vermögensverhältnisse offen legen, einen Vertrag sowie eine Risikolebensversicherung mit der Klinik abschließen und Ines Eltern um eine Bürgschaft bitten: „Wir mussten komplett blank ziehen…“ Ines ist bewusst, dass die Klinik sich absichern muss, um zu verhindern, dass sie auf Kindesunterhalt verklagt wird, empfindet diese Regelung aber trotzdem als diskriminierend, weil verheiratete heterosexuelle Paare nicht davon betroffen sind: „Ich finde, das ist was sehr emotionales, wenn Du den Wunsch hast, schwanger zu werden und dann sitzt Du bei einer Juristin und musst irgendwelche Verträge machen und musst alles abklären.

 

Für die jeweiligen Versuche mit einer Samenspende musste Ines nach Essen fahren, im Nachhinein empfindet sie die Zeit als „sehr stressig“ und erinnert sich an absurde Situationen: Die Wartezeit vor der Behandlung hat sie zum Beispiel für Telkos genutzt – in ihrem Auto in der Tiefgarage der Klinik.

Die beiden haben sich sehr früh eine Grenze gesetzt, weil sie andere Paare kennen gelernt haben, die teilweise schon ein Jahr mit ständigen Behandlungen hinter sich hatten und deshalb auch mit ihrer Beziehung am Limit waren. Ines drückt es so aus:„Wenn Du ins Casino geht’s, musst Du auch vorher den Einsatz festlegen, um kein Risiko einzugehen.“ Es war beiden sehr wichtig, dass ihre Partnerschaft durch den Kinderwunsch nicht zu sehr belastet wird. Eine Eizellenspende oder Ähnliches wäre für sie nicht in Frage gekommen.

 

Betreuung und Planung

Als die beiden sich für ein Kind entscheiden haben, war Dani gerade dabei, Ihre Selbstständigkeit aufzubauen und Ines fest angestellt. Deshalb waren sich beide einig, dass Ines das Kind austragen sollte, um Mutterschutz und 1 Jahre Elternzeit in Anspruch nehmen zu können. „Wir haben auch genau überlegt, wie die Zeit danach aussehen könnte und planen jetzt nach dem ersten Jahr beide Elterngeld Plus zu beantragen, damit wir Levi gemeinsam erziehen können.“ Ines will im September diesen Jahres wieder in Teilzeit starten und dann langsam auf 30 Stunden aufstocken. Ab 2017 soll Levi dann eine Krippe besuchen. Die öffentliche Betreuungssituation in ihrer Stadt empfindet Ines als katastrophal, sie muss jetzt schon einen Antrag für einen Platz in 2017 stellen. Es ist völlig unklar, welche Kita wie viele Plätze frei hat, also bewerben sich die Eltern bei bis zu 10 verschiedenen Kitas, um kein Risiko einzugehen. Was unter anderem zur Folge hat, dass überall Plätze frei gehalten werden, die am Ende doch nicht genutzt werden. Ende des Jahres soll angeblich eine zentrale Vergabestelle entstehen, bei der man sich bewerben muss und dann einen Platz zugewiesen bekommt. Ines und Dani wollen versuchen, eine Tagesmutter zu finden, die Levi an 2 Tagen die Woche betreuen soll. Nach den ausgedehnten Kitastreiks der letzten Jahre macht sie sich allerdings jetzt schon Gedanken darüber, was passieren würde, wenn die Betreuung über Wochen ausfällt. Gleichzeitig hat sie großes Verständnis für die Nöte der Erzieher, die aus ihrer Sicht viel zu wenig Geld bekommen.

Die Eltern beider Frauen sind bereits über 70, es ist fraglich, inwieweit sie bei der alltäglichen Betreuung von Levi helfen können, aber beide Seiten sind über den neuen Enkel sehr glücklich. Danis Eltern haben schon angeboten, den Kleinen zu nehmen, falls die beiden einmal ohne Kind in den Skiurlaub wollen. Ines Mutter hat ohne ihr Wissen einen Wickelkurs gemacht, weil sich in der „Säuglingspflege so viel verändert“ habe und sie „nichts falsch machen möchte“.

 

Was sich verändert hat

Familie als Wert und Gemeinschaft ist beiden Müttern sehr wichtig. Nach der Geburt von Levi sei ihre Herkunftsfamilie noch weiter zusammengewachsen, sagt Ines, die Anteilnahme der Neffen und Nichten war sehr groß. Aber auch die freudigen Reaktionen von Verwandten, von Freunden und Kollegen, sogar von Danis Kunden haben beide überwältigt: „Es ist unglaublich, was die Geburt eine Kindes in ihrer Umgebung bei Menschen auslöst.“

Levis Geburt hat auch an ihrem eigenen Rhythmus vieles verändert: „Ich war immer auf Effizienz getrimmt, davon habe ich mich jetzt verabschiedet.“ In den ersten Woche mit dem Säugling hat Dani den Haushalt, das Putzen, die Einkäufe und das Kochen, erledigt, während Ines es, wie sie sagt, „nicht mal geschafft hat, sich die Zähne zu putzen“. Inzwischen schafft sie wieder ein paar Einkäufe und einen Teil des Haushalts, nimmt sich ansonsten aber nie mehr als zwei Aufgaben vor, bei denen sie etwas organisieren oder besorgen oder erledigen muss. Im Gegensatz zu den ersten Monaten lässt sich Levi inzwischen abends in Bett legen, so dass die beiden ab und zu auch mal „Händchen haltend auf dem Sofa sitzen können“…

Zusammen mit Levi und ohne den Büroalltag, erlebt Ines auch ihre Stadt ganz neu. Wenn ihr die Decke auf den Kopf fällt, geht sie mit dem Kleinen in ein Cafe in ihrem Viertel und „lernt nicht nur ganz andere Ecken, sondern auch ganz neue Leute kennen.“

Im Vergleich zu ihren Leben vorher gibt es für die beiden trotzdem kaum noch Zeiten, die sie exklusiv zu zweit verbringen. „Über Weihnachten waren wir bei meinen Eltern, und zum ersten Mal seit Wochen waren wir zu zweit draußen: Ich bin gejoggt und Dani ist mit dem Rad gefahren, nicht mal ein Stunde, aber das war so wichtig!“ Wenn sie zu zweit schwimmen gehen, passt immer eine auf Levi auf und die andere zieht ihre Bahnen.

Sich auch nur eine halbe Stunde Zeit für sich zu nehmen, ist für Ines immer noch schwierig. Bei der Rückbildungsgymnastik gab es eine Kinderbetreuung, dort hat sie Levi zum ersten Mal einer fremden Person in die Hand gedrückt und sich dabei schlecht gefühlt (wenn auch nur am Anfang des Kurses), obwohl die Babysitterinnen „absolut professionell und nett“ sind und „Levi sich bei ihnen auch „offensichtlich wohl fühlte“. Ines ist jetzt schon gespannt wie es ihr damit gehen wird, Levi zu einer Tagesmutter oder in eine Krippe zu geben…

 

Haushalt und Geld

Für den Haushalt gönnen sich die beiden zurzeit eine Putzfrau, damit nicht zu viel an Dani hängen bleibt. Die Großeinkäufe und die Wäsche macht sie sowieso und unterstützt Ines im Haushalt wo sie kann. Es fällt auf, dass die beiden mit großer Fürsorge und viel Respekt aufeinander schauen, wenn es um die alltägliche Arbeitsbelastung geht. Ines hat manchmal das Gefühl, dass Dani zu wenig Zeit für sich hat. Beide versuchen sich gegenseitig zu schonen. „Wenn es mit der eigenen Kraft in den roten Bereich geht, dann wird es auch für die Beziehung gefährlich.“

Beide mussten erst lernen, Hilfe anzunehmen. Wegen des Aufwands haben sie zum Beispiel zunächst gezögert, ob sie zuhause eine Geburtstagsfeier machen sollen. Dann haben sie einfach alle Gäste gebeten, statt Geschenke etwas zu essen mitzubringen. Im Laufe des Tages waren 10 Kinder und 20 Erwachsene dabei und „es hat super funktioniert“, weil am Ende auch alle beim Aufräumen geholfen haben.

Anders als viele andere Paare haben Ines und Dani ihre eigenen Konten behalten und ein gemeinsames Haushaltskonto eingerichtet, von dem sie laufende Kosten bestreiten. Die Geldanlagen betreut Ines, so wie vor der Schwangerschaft, und über Sonderausgaben wird gemeinsam entschieden. Ines hat schon in der Schwangerschaft für die Elternzeit gespart, damit auch mal eine Kurzreise drin ist und um „Dani nicht komplett auf der Tasche zu liegen“.

Die beiden sind verheiratet und werden steuerlich zusammen veranlagt, mussten dies aber – anders als Heteropaare – zunächst beantragen. Und anders als bei verheirateten Paaren muss Dani, trotz eingetragener Partnerschaft, Levi erst adoptieren, um das Sorgerecht zu bekommen.

 

Beziehung zu Levi

Da Ines den Kleinen stillt und mehr Zeit mit ihm verbringt, macht sie sich viele Gedanken darüber, ob Dani sich vielleicht ausgegrenzt fühlt. Tatsächlich fällt es Dani oft schwer, arbeiten zu gehen, aber im Vergleich zu anderen Arbeitnehmern kann sie sich ihren Joballtag relativ frei gestalten. Ihre Termine plant sie um Levis Wachstunden herum. Um ihre Familie auch mal tagsüber entspannt zu sehen, nimmt sich Dani an den Nachmittagen oft zwei Stunden frei und legt weitere Termine stattdessen lieber in die Abendstunden – wenn Levi im Bett ist.

 

Job und Vereinbarkeit

Ines ist Teamleiterin und weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, einen Mitarbeiter in Elternzeit zu ersetzen – bei einer Führungskraft verschärft sich das Problem aus ihrer Sicht, weil die meisten Personalabteilungen für einen solchen Fall immer noch keine Konzepte haben: „Ich habe das Gefühl, dass Du Dich als Führungskraft selbst darum kümmern musst, den Ausfall zu kompensieren.“ Eine Art Stellenplanung gibt es nicht.

Bei dem hohem Arbeitstempo in ihrer Abteilung ist es schwierig, wenn jemand zunächst eingearbeitet werden muss. Meistens wird die gesamte Arbeit auf andere Mitarbeiter verteilt – was auch nicht gerade zu mehr Verständnis oder Flexibilität gegenüber Müttern und Vätern in Elternzeit führt.

Es fängt damit an, dass es bei Ihrem Unternehmen sechs bis neun Monate dauert, bis eine befristete Stelle für zwei Jahre ausgeschrieben wird. Hinzu kommt, dass sie als Führungskraft bestimmte Aufgaben wie Personalentscheidungen schlecht an einen ihrer Mitarbeiter delegieren kann. „Am Ende führt jeder Ausfall immer zu einer Mehrbelastung des Teams.“

Ob und wie eine Auszeit bei Müttern und Vätern akzeptiert wird und wie es nach dem Wiedereinstieg weiter geht, hängt für Ines entscheidend davon ab, wie es die Führungskräfte in der betreffenden Abteilung selbst mit ihrer Familie halten. Aus ihrer Sicht ist es egal, was für Arbeitszeit- oder Vereinbarkeitsmodell auf dem Papier stehen, entscheidend ist: was für ein Vorbild lebt das Top-Management eines Unternehmens vor bzw. die Führung, in dem Bereich in dem man arbeitet – dann traut sich auch der Rest. Oder eben nicht. Von männlichen Freunden weiß sie, dass schon zwei Monate Elternzeit zum Karrierekiller werden können.

Wenn Levi ab Herbst bei einer Tagesmutter oder in einer Krippe untergebracht ist, wollen Dani und Ines beide Teilzeit arbeiten, also 30 Prozent, und das Elterngeld plus in Anspruch nehmen: „ Levi ist ja jemand, der ist ja sehr aufgeweckt, guckt viel und ist interessiert und wenn wir die Erziehungs- und die Betreuungszeiten aufteilen, dann hat jeder seine Art, damit umzugehen. Das ist für ihn auch schön, die Abwechslung…“

Levi könnte noch Geschwister bekommen, das nächste Kind soll aber Dani austragen. „Das ist ja das Praktische bei einer Frauenbeziehung“, meint Ines, „auch da kann man sich abwechseln…!“

 

 

 

 

 

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