Hintergrund: Farzaneh und Deniz

Farzaneh und Deniz sind bereits seit fünfzehn Jahren zusammen, kennengelernt haben sie sich als Farzaneh 17 war und Denis 19. Trotzdem sind sie erst nach der Hochzeit vor wenigen Jahren zusammengezogen. Bis dahin hat Deniz zu Hause gewohnt, auf engstem Raum, mit vielen Geschwistern. Er hat sich trotzdem wohl gefühlt, auch wenn Freunde und Kollegen sich manchmal lustig gemacht haben. In türkischen Familien wie der von Deniz ist es nicht unüblich, dass die Kinder auch mit 30 noch zuhause wohnen, vor allem, wenn in der Ausbildung nicht genug verdient werden kann, um sich eine eigene Wohnung zu leisten.

Anders als bei vielen anderen jungen Paaren, zieht sich ein  Faden der Vernunft und Geduld durch das Leben der beiden. Von Geduld geprägt war auch Farzanehs beharrlicher Wunsch, Hebamme zu werden, ihr Traumjob. Nach der Realschulreife machte sie einen ersten Bewerbungsversuch, wurde jedoch abgelehnt. Farzaneh hat dann zunächst eine Ausbildung zur Arzthelferin abgeschlossen, anschließend das Abitur nachgeholt und nach vier weiteren Anläufen wurde sie endlich an der Hebammenschule angenommen.  In all den Jahren war Deniz  schon an ihrer Seite und hat sie bei jeder Etappe unterstützt. Deniz konnte direkt nach der Schule mit der Ausbildung seiner Wahl starten und wurde Erzieher. Trotzdem ließ er sich anschließend auf einen Fremdgang ein und führte eine zeitlang seinen eigenen Kiosk. Er hat schnell gemerkt, dass die Verdienstmöglichkeiten die ewig langen Arbeitszeiten kaum wett machen können. „Back to the roots“ fing er dann doch nach einiger Zeit als Erzieher an einer Grundschule an. Nach zehn gemeinsamen Jahren war Farzaneh dann auch endlich fertig mit ihrem Ausbildungsritt und fand eine 50%-Stelle in einer Klinik, nebenbei arbeitete sie weiter freiberuflich. Als dann beide, wie sie sagen, endlich auf eigenen Beinen standen, wurde schließlich auch geheiratet. Und das gemeinsame Kind ließ dann auch nicht lang auf sich warten.

Genau wie die ersten Probleme mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie… Farzaneh weiß es zwar zu schätzen, dass sie durch den Schichtdienst oft Freizeit hat, wenn andere arbeiten müssen, doch vermisst sie zugleich eine normale Arbeitswoche mit planbaren Abläufen: Montags bis Freitag – nine to five. Stattdessen lebt sie ein Drei-Schicht-System in der Klinik. Keine dieser drei Schichten wäre ohne die Unterstützung von Deniz vereinbar mit der Betreuung von Lale. Die Frühschicht beginnt bereits um 6Uhr früh, die Tagschicht geht bis 22Uhr und die Nachtschicht bis morgens. Ein Beruf, der in Vollzeit nicht zu schaffen ist, wie Farzaneh sagt. Und selbst mit ihrer Teilzeitstelle ist Farzaneh darauf angewiesen, dass Deniz sich nach ihrem Dienstplan richtet. Als Alleinerziehende könnte sie den Beruf gar nicht ausüben, wie sie sagt, denn es gäbe sonst niemanden, der früh morgens oder nachts bei Lale bleiben könnte.

Farzaneh hat keine andere Möglichkeit als Teilzeit zu arbeiten, auch wenn der Verdienst viel zu gering ist. Insgesamt landet nicht viel Geld in der Familienkasse, denn das Erziehergehalt von Deniz ist trotz Vollzeit „nicht annähernd fair“ bezahlt, wie er sagt: „Wir tragen da eine sehr krasse Verantwortung. Es ist ein schwieriger Job. Klar, er macht auch Spaß aber für das was man da leistet, ist das Geld eigentlich ein Witz.“

Auch wenn sie in ihren Jobs glücklich sind, würden Farzaneh und Deniz heute andere Wege gehen und keine sozialen Berufe wählen – wenn sie sich noch einmal entscheiden könnten. Obwohl sie erst Anfang 30 sind, haben beide in ihren jeweiligen Stellen schon die Gehaltsobergrenze erreicht. Das heißt, auch perspektivisch wird es so bleiben, dass sie jedes Jahr überlegen müssen, ob sie sich überhaupt einen Urlaub leisten können. Der Wunsch nach einem zweiten Kind wird noch schwieriger zu finanzieren sein als beim ersten Kind. Aber die beiden haben Geduld und Vertrauen…

 

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