Hintergrund: Fanni & Paul

Der Versuch einer Terminabsprache für unseren Dreh mit Fanni offenbart gleich die größte Herausforderung, die ihren Alltag bestimmt: „Ich kann nicht versprechen, dass mein Mann dabei sein wird.“ Fannis Mann ist Polizeibeamter im Schichtdienst – was mehr oder weniger darauf hinaus läuft, dass Fanni den Alltag zwischen ihrem 30 Stunden-Job bei einer Versicherung und den Kindern allein wuppt. Fanni und Paul haben sich bewusst für ein Haus auf dem Land entschieden, im Umfeld von Hamburg, obwohl beide rund eine Stunde zu ihrer Arbeitsstelle in die Stadt pendeln müssen. Einerseits ist eine Wohnung in der Stadt trotz der zwei Gehälter nicht bezahlbar, auf der anderen Seite ist Fanni leidenschaftliche Reiterin und verzichtet lieber auf kurze Wege als auf ihr Pferd. Ihre Kinder kann sie jederzeit mit in den Stall nehmen, ihre älteren Reitschülerinnen sind die perfekten Babysitter – noch  Pluspunkt auf der Liste „Pro-Landleben“. Verwandtschaft haben sie sowieso nicht in der Gegend, beide stammen aus Potsdam.

Die Familie lebt im 7-Tage-Rhythmus, um den Pauls Dienstplan herum. Seine Einsatzstunden wechseln wöchentlich, jeweils am Donnerstag wird ihm mitgeteilt, welche Schicht er an den folgenden sieben Tagen übernehmen muss, auf die Zeiten oder Daten hat er dabei keinen Einfluss. Ob er nachts weg sein wird oder über Tag und an welchen Tagen genau bleibt bis zum Schluss spannend… Meistens läuft es auf eine Spät- oder Nachtschicht hinaus, einmal im Monat ist er dem Frühdienst zugeteilt, der zumindest in normale Tageszeiten fällt. Aber da eine Schicht 10 Stunden umfasst, ist er trotzdem von 7:30 bis 17:30 im Dienst. Und wenn man die Fahrtzeiten in die Stadt dazu rechnet, ist Fannis Mann faktisch 12 Stunden unterwegs. Auf einen freien Sonntag kann er überhaupt nur hoffen, wenn er Frühdienst hat.  Die anderen Schichten laufen ins Wochenende rein und wenn in Hamburg eine größere Demo stattfindet, was eigentlich ständig der Fall ist, dann wird aus einer 10 Stunden Schicht unter Umständen auch eine 19 Stunden Schicht. Zu seinem letzten Geburtstag hat Paul Karten für die Deutsch Touring Meisterschaft geschenkt bekommen, die er leider verschenken musste…Wenn er sicher gehen will, dass er frei hat, muss er Urlaub einreichen.

Fannis Tag beginnt im Schnelldurchlauf: Um 7:00 muss sie die Kinder in der Kita bzw. in der Krippe abgeben. Wenn einer der beiden sich morgens nicht anziehen will, verpasst sie die erste Bahn in die Stadt. Sie arbeitet jeden Tag bis 14:00, wenn es gut läuft ist sie bis 15:15 wieder vor der Tür, um die Kinder einzusammeln. Ihre Gemeinde in der Näher einer norddeutschen Großstadt war beim Krippenausbau „ganz vorne mit dabei“  und hat vor ein paar Jahren eine neue Kita mit großzügigem Gelände gebaut. Die Eingewöhnung war bei beiden Kindern kein Problem. Drei Erzieher kümmern sich um 15 Kinder – das ist im Vergleich zu den Metropolen wie Berlin oder Hamburg ein luxuriöser Betreuungsschlüssel.

Aus ihrer eigenen Kindheit kennen sie es anders, in den Kinderkrippen der DDR gab es sehr viel größere Gruppen, unter anderem, weil dort jede Mutter einen Anspruch hatte auf einen Krippenplatz. Essen, schlafen, spielen und sogar Toilettengänge fanden in der Gemeinschaft statt. Fanni kann sich nicht daran erinnern, ob es ihr gefallen hat oder nicht, „es gab ja keinen Vergleich, es gab, wenn man so will,  keine anderen Kindheiten.“ Aber sie weiß noch sehr gut, dass sie sich immer danach gesehnt hat, zu den „Mittagskindern“ zu gehören, die schon nach dem Essen nach Hause durften. Und nicht zu den Ganztagskindern, die erst am späten Nachmittag abgeholt wurden. „Meistens gehörte ich zu denen, die bis zum Schluss da waren“. Ihre Eltern, damals noch junge Studenten, haben aus ihrer Sicht alles wieder wett gemacht, indem sie so oft wie möglich mit den Kindern in Urlaub gefahren sind.

Die Tatsache, dass beide Eltern studiert und gearbeitet haben, hat Fanni auch in anderer Hinsicht geprägt: Sie kann sich nicht vorstellen, in wirtschaftlicher Abhängigkeit von ihrem Mann zu leben. „Nicht, dass ich davon ausgehe, aber ich muss doch die Überlegung zulassen: was passiert, wenn ich mich trenne? Und was ist mit der Rente später, in die ich dann kaum eingezahlt habe?“

Ihre Eltern waren immer gleich gestellt, mittlerweile verdient ihre Mutter sogar mehr. Für sie bedeutet das auch immer einen Umgang „auf Augenhöhe“. Einiges von dem Geld, das sie verdient, steckt sie in ihr Pferd, auch das ist für sie Motivation, ein eigenes Einkommen zu haben. „Ich bin mir bewusst, dass ich ein Luxushobby habe und ich käme nie auf die Idee, dieses Hobby von meinem Mann finanzieren zu lassen.“

In der Krippe ihrer eigenen Kinder sind sie das einzige Elternpaar, bei dem beide arbeiten. Aus ihrer Sicht tun sich die meisten „im Westen“ sehr schwer mit institutionalisierter Kinderbetreuung. Ihr Mann musste sich unter Kollegen schon den typischen Vorwurf gefallen lassen, „dass man sich doch keine Kinder anschaffen sollte, wenn man sie dann wegorganisiert.“ Aber auch Nachbarn und Bekannte reagieren Fanni gegenüber mehr als irritiert, wenn sie erzählt, wann sie die Kinder morgens wegbringt und fragen sie rundheraus: „Warum tust Du das?“ Und unterstellen dabei, dass das Gehalt eines Polizisten doch ausreichen muss und alles andere doch nur egoistischen Gründe haben kann…

Die Qualität der Kinderbetreuung in ihrer Gemeinde ist für Fanni und Paul eine große Entlastung, sie fragen sich allerdings, warum sie nicht auch finanziell entlastet werden. Zumal sie beide Steuern zahlen und somit auch viel Geld in die Staatskasse abführen. Für das erste Kind haben sie 416 Euro im Monat zahlen müssen, für beide zusammen sind es im Moment 550 Euro. Und aus Sicht der Gemeindeverwaltung müsste es theoretisch sogar mehr sein: Da die beiden alles andere als „Spitzengehälter“ verdienen, bekam Fanni den Tipp, dass sie unter Umständen Anspruch auf einen Zuschuss hätten. Sie ist zum Amt gegangen und hat sich beraten lassen: Für die Zuschussanfrage mussten sie ihre gesamten Vermögensverhältnisse offen legen, nicht nur die Gehälter, sondern auch sämtliche Kosten für das Haus oder die private Altersvorsorge. Ab da nahm der „Amtsvorgang“ bizarre Wege, denn im Rahmen des Antrags wurden die Kreditraten für den Hauskauf absurderweise nicht als Belastung, sondern als Vermögen eingestuft. Am Ende dieser Rechnung kam heraus, dass Fanni und Paul angeblich 900 Euro übrig hätten für die Betreuung ihrer Kinder! Im Klartext: Hätte Fanni den Antrag tatsächlich gestellt, dann wären ihrer Familie am Ende 350 Euro zusätzliche Kitakosten in Rechnung gestellt worden… Eine Anekdote, über die Fanni bis heute den Kopf schüttelt.

Genauso wenig kann sie verstehen, warum Arbeitgeber nicht weitaus mehr in die Pflicht genommen werden, um Familien zu unterstützen. Unabhängig davon schätzt Fanni ihren eigenen Arbeitgeber durchaus, sie hängt an ihrem Job und hat die Arbeit im ersten Jahr mit Kind zuhause sehr vermisst. Die Kollegen sind für sie wie eine zweite Familie und die Arbeit am Telefon macht ihr großen Spaß. Trotzdem stellt sie sich die Frage, wieso sie als Mutter von zwei Kindern von bestimmten Erleichterungen im Sinne der Vereinbarung von Familie und Beruf sogar explizit ausgeschlossen ist:  Bei ihrem Unternehmen wird beispielsweise Homeoffice angeboten. Fanni darf dieses Angebot allerdings nicht nutzen, weil sie nicht Vollzeit arbeitet, sondern – mit zwei kleinen Kinder – „nur“ 30 Stunden die Woche. Als wäre sie als Mutter von Kleinkindern nicht viel mehr auf eine solche Regelung angewiesen, als ein Kinderloser. Auch die Tatsache, dass ihr per Gesetz genau zehn „Kind-Krankheitstage“ zustehen, empfindet sie eher als symbolisches Trostpflaster, denn. „Mitte Februar habe ich sieben von zehn Tagen aufgebraucht. Und was mache ich für den Rest des Jahres?“ Auch dass sie sich das Geld erst auf Antrag wiederholen muss, wenn ihre Kinder erkranken, hält sie für eine Benachteiligung. „mal ehrlich, die meisten lassen sich dann doch lieber selbst krankschreiben, bevor sie ihrem Geld hinterherlaufen müssen. Und deshalb sieht es nach außen auch so aus, als ob kein weiterer Bedarf besteht – die Leute nehmen ja nicht mal die freien Tage, die Ihnen zustehen.“

Viel mehr als Reiten und der Reitverein bleibt nicht vom sogenannten Privatleben, wenn Fanni die Kinder und den Job vom Alltag abzieht. Es gibt weder Yoga- oder Saunaabende noch Mädelsausen oder Theaterkarten. Der Vorstand vom Reitverein muss bei ihr zuhause tagen, für einen Babysitter fehlt das Geld. Lieber packt Fanni die Kinder ein uns gibt selbst ein paar Reitstunden, auch wenn es dafür nicht mehr gibt als eine Mini-Aufwandspauschale. Unter den Reitschülern sind immer ein paar Teenager, die kurz auf ihre Kinder aufpassen, wenn sie auch mal ausreiten will:

„Das entschädigt mich für jeden Stress, die Woche fällt von mir ab….“

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