Hintergrund: Caroline & Felix

Caroline, 53 Jahre, Grafikdesignerin, und Felix, Werber, norddeutsche Großstadt, verheiratet, 2 Kinder, 15 und 18 Jahre

 

Das Abendblatt mit einem Artikel über die Arbeit von Family Unplugged war gerade am Kiosk, da landete auch schon die Mail von Caroline in unserem Postfach.

Zum ersten Mal haben wir Rückmeldung von einer Mutter, die rückblickend erzählen kann, was es bedeutet, wenn die Vereinbarkeit von Job und Familie gelöst wird indem – wie in den meisten Fällen – die Frau zurück steckt. Caroline hat zwar nicht auf ihren Job verzichtet aber auf eine Festanstellung. Eine Frau ohne Kinder oder ein Mann (mit Kindern und Frau, die zurück steckt), der wie sie vor rund 30 Jahren mit derselben Qualifikation in der Werbebranche angefangen hat, konnte sich in derselben Zeit zum Geschäftsführer oder CEO hocharbeiten: Die einzige Position, die auch Kreative ab 50 zulässt.

Caroline hat sich wegen der Kinder gegen eine Festanstellung entschieden, die Folgen machen sich erst jetzt, mit über 15 Jahren Verzögerung bemerkbar:

Hallo liebes Family-Unplugged-Team,

 heute Morgen beim Frühstück habe ich im Hamburger Abendblatt über Eure Webseite gelesen und spontan gedacht:  Mit denen möchte ich reden.  

Wir haben zwei Kinder, einen Jungen 18 Jahre und ein Mädchen 15 Jahre. 

Als die Beiden klein waren, hatten wir beschlossen, dass ich freiberuflich arbeite, um so optimale Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder zu haben (vor 15 Jahren gab es wenig Kindergartenplätze und kaum Kitaplätze).  Und da ich als Designerin tätig bin, schien das eine sehr gute Möglichkeit zu sein, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Das hat dann auch einigermaßen geklappt, mit den auch hier dazugehörenden Schwierigkeiten. 

 Vor zwei Jahren habe ich dann gedacht, ich könnte mich in einer Agentur oder bei einem anderen Arbeitgeber bewerben. Die Kinder sind selbstständig genug  und kommen sehr gut ohne intensive Betreuung klar. Mir fehlte die Kommunikation mit Kollegen und ebenso der Ortswechsel. Manchmal habe ich einen richtigen Wohnungskoller bekommen.

 Voller Elan und Zuversicht habe ich begonnen, Bewerbungen zu schreiben. Ich hatte mich ja während der vergangenen Jahre auf dem aktuellen Stand der Design-Programme gehalten, habe schöne und gute Projekte gestaltet und meine Fremdsprachenkenntnisse (Englisch & Französisch) aufgefrischt und intensiviert. Ich bin hochmotiviert und dachte, dass ich schon irgendwo einen Job erhalten werde. Ich wünschte mir sehr, endlich wieder Bestandteil eines festen Teams zu werden.

Das ist allerdings ein frommer Wunsch. Wenn ich Glück hatte, bekam ich eine freundliche Absage. Meistens jedoch gab es noch nicht einmal die. Mit 50 plus und dann noch als Frau, hat man auf dem Arbeitsmarkt keine Chance, gerade dann, wenn sie lange Jahre keine Festanstellung hatte. Da kleben dann ja gleich zwei Makel an einem.

Ich bin mir sicher, dass ich mit diesem Problem nicht alleine dastehe und vielleicht möchtet Ihr darüber ja berichten. Ich würde mich freuen, wenn es eine Diskussion ergeben würde.

 Herzliche Grüße

Caroline Remé“

Dass sogar ihre Freundinnen skeptisch waren als sie begann, Bewerbungen zu verschicken, hat Caroline anfangs eher bestärkt. „Na dann sag mal Bescheid, wenn Du einen Job findest. Ich bin gespannt.“ Solche Kommentare konnten Caroline zunächst nicht aus der Ruhe bringen. Bis sie feststellen mußte, dass standardisierte Absagen zurück kamen und als klar wurde, dass keine der angeschriebenen Agenturen sich die Mühe machte, sie zumindest zu einem Gespräch einzuladen.

Es ist für Caroline nicht nachvollziehbar, dass sowohl die Qualifikationen, die sie mitbringt, als auch die diversen Weiterbildungen, aber vor allem auch die menschliche Erfahrung, die sie in 20 Jahren gesammelt hat, nichts wert sein sollen.

Damals hat sie sich über die spätere Zukunft keine Gedanken gemacht. Als ihr eine Festanstellung angeboten wurde, war sie gerade schwanger geworden und hielt es für eine Frage der Fairness, den Vertrag abzulehnen. Sie konnte für dieselbe Agentur weiter frei arbeiten und hat bis kurz vor der Geburt Aufträge angenommen. Damals, 1998, gab es noch keine Kinderkrippen, ab dem 8. Monat waren die Kinder bei einer Tagesmutter, Caroline hat 4 Tage die Woche Vollzeit gearbeitet, bis 18 Uhr. Das Geld, das sie verdient hat, ging mehr oder weniger für die Betreuung drauf, aber Caroline wollte unbedingt im Job bleiben, um den Anschluss nicht zu verlieren. „Ich hatte schlicht Angst, dass ich nie wieder reinkomme in die Branche.“ Um das Pensum zu schaffen, hat sie oft auf die Mittagspause verzichtet.

Nach zweieinhalb Jahren kam erneut das Angebot einer Festanstellung, Caroline war zeitgleich zum zweiten Mal schwanger, lehnte auch diesen Vertrag ab und versprach schnell wieder als freie Mitarbeiterin zur Verfügung zu stehen. Da ihr Mann eine Festanstellung in derselben Branche hatte und kontinuierlich aufgestiegen war, hielten es beide für die vernünftigste Lösung, dass Caroline trotz Job flexibel bleibt.

Die Geburt des zweiten Kindes fiel allerdings mit dem ersten Börsencrash (Internetblase) zusammen und von heute auf morgen wurde es sehr schwer, als Freie zu arbeiten. Gleichzeitig potenzierten sich mit der kleine Tochter die Kinderkrankheiten, Caroline war „alle naslang selbst krank“, wenn sie nicht gerade ein krankes Kind betreuen musste. Zur selben Zeit sollte ihr Sohn eigentlich in den Kindergarten wechseln, aber die Plätze waren rar und die Wartezeiten lang – bis zu einem Jahr. „Ich bin durch die ganze Stadt gerannt und habe mich auf alle Wartelisten setzen lassen. ohne Erfolg. Es wurde mir so wahnsinnig schwer gemacht, weiter zu arbeiten.“ Zeitweise ist Caroline auf einen betreuten Spielplatz ausgewichen, um wenigstens für ein paar Stunden an den Rechner zu können.

In ihrem Alter und mit ihrer Erfahrung wäre sie heute eigentlich in der Position eines Creative bzw. Senior Director. Die lange Liste von Kunden, darunter etliche „Big Names“ die sich Caroline im Laufe ihrer Berufsjahre erarbeitet hat, stellt sich bei ihren heutigen Bewerbungen – unabhängig vom Alter – als Handicap heraus, weil viele Personaler glauben, dass sie zu teuer sein könnte. Alles, was in den Stellenausschreibungen steht, kann Caroline vorweisen, weil sie sich in den Jahren ohne festen Job konstant weiter gebildet und sich alle neuen Design- und Illustrator-Programme in Eigeninitiative angeeignet hat. Außerdem ist sie „hochmotiviert“, weil die Kinder immer unabhängiger werden und sie sehr gern wieder in einem Team arbeiten würde – auch unter einer 30jährigen Teamleiterin, sofern diese kompetent ist.

Inzwischen hat sie es aufgegeben, ihren Lebenslauf mitzuschicken oder sie lässt ihr Geburtsdatum bewusst weg und bewirbt sich auf Stellen, wo nicht zwingend „unbekannte Youngster“ gesucht werden. Aber auch dort bekommt sie oft nicht mal eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. „Obwohl meine Qualifikation  hundertprozentig zu den Anforderungen passte.“ In einem Fall, in dem sie sogar empfohlen wurde, hat sie nachgehakt und von „inoffizieller Seite“ erfahren, dass es wohl an ihrem Alter lag. Um nicht gegen das AGG zu verstoßen (allgemeines Gleichstellungsgesetz), das eine Diskriminierung wegen des Alters verbietet, wird ihr aber wohl nie jemand den wahren Grund für eine Absage verraten.

In einer kleinen Agentur, für die sie zeitweise gearbeitet hat, wurde ihr Job an eine ehemalige Praktikantin unter 30 weiter gegeben.

Ihr Mann musste ebenfalls einen Karriereknick hinnehmen, weil ihm beim ersten Börsencrash ein Hauptkunde weggebrochen ist. Inzwischen sieht Caroline die Männer genauso unter Druck, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben. In der Werbebranche die 60 zu überschreiten, ist eigentlich auch nur möglich, wenn man eine eigene Agentur hat oder erfolgreich verkaufen und sich zur Ruhe setzen konnte. Inzwischen sieht Caroline so manche Entscheidung in einem anderen Licht: „Vielleicht habe ich mich stärker auf meinen Mann verlassen als ich es hätte tun sollen.“ Der Erfolg und die Sicherheit, die sich beide erträumt haben, konnten sie nie erreichen. Für eine große Wohnung und regelmäßige Urlaube hat es trotzdem immer gereicht – insofern würde sie sich nicht als unzufrieden bezeichnen. In ihrer Herkunftsfamilie ist sie mit einem tradierten Rollenbild groß geworden, das sie sicherlich auch beeinflusst hat, trotzdem wollte sie immer eigenes Geld nach verdienen. nur nicht als „Haupternährerin der Familie“.

Wenn sie jungen Frauen heute einen Rat geben soll, dann würde Caroline jeder Mutter empfehlen, sich unbedingt fest anstellen zu lassen. Zur Not auch schwanger….

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