Hintergrund Agnes & David

David und Agnes haben sich in Irland kennengelernt, als Agnes dort einen dreimonatigen Auslandsaufenthalt machte. David hatte eigentlich von deutschen Frauen die Nase voll, hatte er doch zufällig schon eine nervenaufreibende Beziehung mit einer solchen hinter sich. Aber mit Agnes war es, das wusste er sofort, anders.

Schon damals sei ihm ihre mütterliche Ausstrahlung aufgefallen und da er selbst aus einer großen irischen Familie stammte, war ihm wichtig, eine Frau zu finden, die ebenso großen Spaß an Kinder haben könnte wie er.

Agnes war genau diese Frau und deshalb zog er zu ihr nach Deutschland. Beruflich gelernte Kinderkrankenschwester stammte sie selbst aus einer achtköpfigen, bayrischen Familie und hatte das  – trotz aller Konflikte – in allerschönster Erinnerung.

Beide erinnern sich an eine Kindheit, in der das Christentum ganz selbstverständlich gelebt wurde, und in der ihre Eltern ununterbrochen tätig waren, wenn auch – in beiden Fällen – die Mütter nicht berufs-tätig. Beide haben bis heute zu allen Familienmitgliedern engen Kontakt und fühlen sich darin sehr aufgehoben. Besuchen jedoch können sie sich gegenseitig kaum, denn mit sieben Kindern ist eine „kleine Auszeit“ ein Ding der Unmöglichkeit.

Agnes‘ Kindheit auf einem bayerischen Bauernhof nährt sich aus Erinnerungen an selbstgebaute, riesige Baumhäuser am Fluss und endlose phantasievolle Spiele mit dem Nachbarsmädchen und ihrem Teddybären. Denn in den Kindergarten ging sie nicht. Das wäre viel zu viel Aufwand gewesen, da ihre Mutter ’nebenbei‘ noch Schwiegermutter und Tanten zu pflegen hatte.

Auch Agnes selbst hat es deshalb mit dem Kindergartenbesuch ihrer eigenen Kinder locker gehalten, denn auch sie empfand den Gewinn der Kinderbetreuung für all den Aufwand an Fahrerei mit den jeweils kleineren Würmchen im Maxicosi als ausgesprochen gering. Sie gingen je etwa zwei Jahre in den Kindergarten.

Also ließ sie ihre Kinder oft einfach mitlaufen bei allem, was sie tat oder besuchte mit ihnen einmal wöchentlich Eltern-Kind-Gruppen, die sie selbst leitete. Ansonsten musste der Spielplatz im Dorf reichen, denn hier leben durchaus einige Kinder. Mit dem kleinen Nachzügler hält sie das bis heute genau so. Das Betreuungsgeld war für die Familie von Agnes und David deshalb ein Segen und beide sind froh, dass die bayrische Landesregierung das Betreuungsgeld nun auf Landesebene eingeführt hat, nachdem es vom Bundesverfassungsgericht als Bundesleistung gekippt wurde.

Ihr als Mutter erschließt sich nicht, warum ein Kind zu Hause angeblich weniger lernen soll als in der Kita. Sie und ihr Mann haben immer mit den Kindern gelesen, gespielt, gesungen und Musik gemacht oder widmen sich ihnen bei gemeinsamen kleinen Ausflügen.

Das Paradoxe daran: Obwohl Agnes bewusst zu Hause ist, hat auch sie ständig das Gefühl, zu wenig Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, denn sie ertrinkt natürlich in Hausarbeit und muss zudem durch das Leben auf dem Land viel fahren, um ihre Kinder, die teilweise schon in der Ausbildung sind, von A nach B zu bekommen. Auch sie hat also oft ein schlechtes Gewissen, allerdings macht sie sich keinen unnötigen Stress, wenn sie mal einen Termin verschwitzt, das Chaos ausbricht  und es  mal aussieht als hätte eine Bombe eingeschlagen. „Des g’hört dazu.“ Und Basta.

David unterstützt Agnes wo er kann, aber er muss als Alleinverdiener 9 Personen ernähren und hat neben seiner freiberuflichen Tätigkeit als Englischlehrer bei großen Unternehmen seinerzeit noch nebenbei das Haus komplett allein in Nachtschichten saniert. Doch wenn er mit seiner Band auftritt und musiziert, sind die Kinder fast immer dabei und auch Davids übrige Freizeit dreht sich nahezu ausschließlich um die Kinder – ein Umstand, der ihm absolut selbstverständlich und außerdem ganz offenbar eine Freude ist.

Urlaub oder Altersvorsorge sind allerdings überhaupt nicht drin – allein der saisonale Schuhkauf für sieben Kinder verschlingt Geld im Wert eines Flugtickets.

Richtig eng wurde es für die Familie während der Wirtschaftskrise, als David mit einem Schlag praktisch keine Aufträge mehr hatte. Die beiden sahen sich gezwungen, den sogenannten Kinderzuschlag zu beantragen, den sie dann auch bekamen – eine finanzielle Hilfe für Familien, die  zwar nicht ALG II berechtigt sind, ihre Kinder aber finanziell trotzdem nicht mehr selbst versorgen können.

Damit erwarb die Familie auch den Zugang zu „Bildung und Teilhabe“ – einer staatlichen finanziellen Hilfe, die auf Antrag direkte Zuschüsse zu Schulausflügen, Instrumentenunterricht, Sport-Vereinsbeiträgen etc gewährt. Die Eltern selbst bekommen das Geld nicht, um es nicht zu „veruntreuen“ – also musste Agnes bei allen Lehrern und Trainern aller sieben Kinder einzeln die Kontonummern für die Zuschüsse erfragen, was sie als sehr erniedrigend empfand. Dennoch sind sie unendlich dankbar, dass diese Hilfe sie über diese alptraumhafte Zeit gerettet hat.

Doch auch heute noch sind große Sprünge nicht drin. Die Familie lebt glücklich, aber letztendlich bescheiden und immer mit dem spitzen Bleistift. Die Kinder sind das einzige „Luxus-Gut“, das die Beiden sich gönnen, aber auch die müssen alle Extras wie Handies oder Markenklamotten von ihrem Taschen- oder Weihnachtsgeld kaufen. Agnes und David finden das gerade gut – sie wollen die Kinder dazu erziehen, den Wert von Dingen zu ermessen.

Diejenigen Kinder, die schon in der Ausbildung sind, leben noch zu Hause. Agnes steht jeden Morgen um fünf Uhr auf, um die Kinder in mehreren Schichten mit Frühstück zu versorgen oder zu Bus und Bahn zu fahren.

Doch darüber klagt sie nicht, sie fühlt sich mit dem von ihr gewählten Lebensmodell, das ihr einen 24 Stunden Job 7 Tage die Woche beschert,  alles in Allem glücklich….

…..wenn nur der Blick auf den Rentenbescheid nicht wäre.

 

 

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