Wie mir die Augen geöffnet wurden

Vorweg: Ich bin selbst Mutter und hatte deshalb von Anfang an ein echtes eigenes Interesse an diesem Projekt. Ich war neugierig auf all die vielen Lebensentwürfe und Lebensgeschichten – Berufskrankheit sozusagen.

Und jetzt?

Jetzt, nach wenigen Monaten, bin ich ehrlich gesagt ziemlich ernüchtert. Nicht von den Familien – die sind großartig, allesamt. Aber ich habe nicht damit gerechnet, wieviel grundsätzlich schief läuft für Familien – und zwar für alle, egal wie sie leben.

Seit Beginn des Projektes haben wir jeder mit zig Familien gesprochen; nicht nur denen, die online zu sehen sind, sondern auch vielen vielen anderen. Wir haben unglaublich intensive Gespräche geführt: ehrliche, berührende, lustige, wütende, traurige. Wir haben Mütter und Väter kennengelernt, die Familie mit großem Einsatz, großer Liebe und Freude durchziehen – und nicht zuletzt mit viel Humor, ich möchte sagen Galgenhumor.

Niemand, den wir getroffen haben, jammert rum. Und schon gar nicht auf „hohem Niveau“. Im Gegenteil: die allermeisten finden es völlig normal, dass kein Urlaub drin ist, die Waschmaschine auf keinen Fall kaputt gehen darf und dass sie keinen Cent für Altersvorsorge übrig haben. Natürlich, das betrifft nicht alle, aber die meisten.

Screenshot 2016-05-11 09.42.41

Sie schlucken klaglos runter, dass die Personaldecke in den Unternehmen so dünn ist, dass sie selbst es einfach nicht fair finden, lange Elternzeit zu nehmen oder früher zu gehen, weil die Kollegen es ausbaden müssen. Sie zahlen völlig selbstverständlich die gestiegenen Benzinpreise zu Ferienzeiten, weil sie gar keine Wahl haben, sie fahren ohne zu murren zig Kilometer zur Arbeit und und und.

Ja, richtig, auch unsere Aktion #Muttertagswunsch hat gezeigt: Viele Familien rufen nach flexibleren Kita Öffnungszeiten. Aber vor allem deshalb, weil ihre eigene Arbeitszeit nach wie vor unflexibel ist oder sie schlichtweg sehr viel arbeiten müssen. Kitaplätze von 7 bis 17 Uhr sind kein Herzenswunsch, sondern für viele eine Notwendigkeit, weil sie sonst gar nicht über die Runden kommen.

Ja, die Welt der Frauen bzw. Mütter und damit auch die der Väter hat sich verändert. Die allermeisten Männer und Frauen wollen arbeiten – ich gehöre dazu – aber der Arbeits-Umfang ist in den seltensten Fälle frei gewählt, sondern einem enormen Kostendruck geschuldet.

Das hat viele Gründe: zum einen die Gehälter. Ich fange mal bei mir an, die ich mich für privilegiert halte: Als ich 2001 bei Öffentlich Rechtlichen Fernsehen anfing, als Freie zu arbeiten, habe ich gutes Geld pro Film verdient. Es war ’ne Menge Arbeit, gezwungenermaßen immer superflexibel und als Selbstständige ohne doppelten Boden, aber das Geld war ok – zumindest  in meiner Redaktion. Als ich 2015 aufhörte, dort zu arbeiten, habe ich für meine Fernsehbeiträge immer noch nahezu die gleiche Summe verdient. Immerhin. Allerdings musste ich dafür wesentlich mehr Dinge machen als 2001. So etwas nennt man ‚Verdichtung der Arbeit‘; in Wahrheit aber ist es ein Einkommensverlust, denn zu Hause saß meine Kinderfrau, bei der jede Stunde kostete und parallel sind alle Preise gestiegen.

Man kann sich ausmalen, was das für Menschen bedeutet, die an der Kasse sitzen, bei Leiharbeitsfirmen arbeiten anderswo Freiberufler sind oder Pakete austragen. Von den kleinen Selbstständigen mal abgesehen.

IMG_1639

Fast 70 Prozent aller Alleinerziehenden arbeiten Vollzeit. Ihre Kinder haben die Trennung der Eltern zu verkraften – man kann sich also denken, dass deren Mütter durchaus den starken inneren Wunsch haben, für ihre Kinder da zu sein, aber es geht nicht. Wenn dann noch der Vater nicht zahlt, wird die Lage prekär. Es ist schön, dass das Jugendamt in solchen Fällen einen Vorschuss zahlt; nicht schön ist, dass es damit aufhört, sobald die Kinder 12 Jahre sind. Brauchen die Kinder dann keine Schuhe und Schulhefte mehr oder wer oder was?

Eine Mitarbeiterin des Familiennetzes Bremen hat mir erzählt, dass sie viele alleinerziehende Mütter betreuen, die mehrere Jobs haben, um die Fixkosten bezahlen zu können. Sie sehen ihre Kinder, für die sie alleinerziehend zuständig sind, kaum.

Ja, die lieben Fixkosten. Als ich meine erste eigene Wohnung suchte, gab es eine Faustregel: „Achtung! Wenn die Kosten fürs Wohnen ein Drittel deines Einkommens übersteigen, bricht dir das das Genick.“ Das ist längst kalter Kaffee. In den meisten Ballungsräumen, da, wo die Arbeit nun mal ist, sind die Mieten inklusive Nebenkosten so hoch, dass man etwa die Hälfte des Einkommens dafür einplanen muss. Und das bricht in der Tat vielen das Genick.

Und die Firmen, allen voran die Mittelständler? Auch sie bleiben auf den Problemen und Kosten allein sitzen, die Mitarbeiter mit Kindern „verursachen“. Wen wundert es also, dass sich jeder kleine Arbeitgeber überlegt, ob er eine junge Frau einstellt oder einen Mann, der im Vorstellungsgespräch nach Elternzeit fragt?

Diese wenigen Punkte zeigen schon: die Aufgabe, Familien besser zu stellen, betrifft viele Bereiche. Es ist also nicht damit getan, dass das Bundesfamilienministerium weiterhin um gute Lösungen ringt. Sondern es ist eine Querschnittsaufgabe, derer sich alle Ministerien gleichermaßen annehmen müssen.

Dass die Familien, mit denen wir sprechen, oft finanziell mit dem Rücken an der Wand stehen, erzählen sie uns immer tapfer lächelnd. Natürlich: Sie haben zu Essen, sie wohnen in Wohnungen oder Häusern, die sie sich nett gemacht haben, weil sie eben die Spezies Mensch sind, bei denen das Zuhause allein schon der Kinder wegen eine wichtige Rolle spielt.

Diana_Sascha

Aber mich hat im Laufe der Zeit das Gefühl beschlichen, dass es dabei gewissermaßen um „Potemkin’sche Dörfer“ handelt,; Fassaden, die erfolgreich suggerieren, dass deren Bewohner gut situiert sind. Fakt ist: Jede Autoreparatur kann bei vielen alles zum Einsturz bringen, jede Trennung sowieso. Ohne die Unterstützung von Oma und Opa ginge vielerorts finanziell gar nichts. Und das dicke Ende kommt zum Schluss: denn eine ausreichende Rente wird kaum einer haben.

Viele, die wir getroffen haben, finden es völlig selbstverständlich, für den Instrumentenunterricht der Kinder auf die eigene Altersvorsorge zu verzichten.

Was sagt uns das?

Dass wir riesiges Glück haben, weil wir nicht mit unseren Kindern auf der Balkanroute festsitzen oder unsere Familie in Flüchtlingslagern beschossen wird?

Ja sicher, so kann man es sehen.  „Wohlstandssorgen“ – höre ich es schon wieder im Medienwald rauschen.

Aber eines ist einmal klar: vom Wohlstand verabschieden sich viele soeben wie eine neue Studie zeigt: die Mittelschicht schrumpft, merklich.

Mir sagt das alles vor allem eines: Es gibt Menschen, die sich wider aller Vernunft für Familie und Kinder entscheiden, mit allen Konsequenzen – aber sie tragen sie allein.

So unterschiedlich die Familien sind, die wir getroffen haben: Sie alle haben sich letztendlich aus dem Bauch heraus für Kinder entschieden. Es ist immer eine rein emotionale Entscheidung, eine Familie zu gründen.

 

SS_Stahl_outside

Der Staat aber wünscht sich, dass wir Familiengründung angehen wie die Gründung einer GmbH. Dass wir anfangen nachzurechnen und vorauszuplanen, dass wir den Bauch ausschalten. Dass wir selbst vorsorgen fürs Alter, selbst vorsorgen für den Fall der Trennung.

Die Botschaft ist klar: Schenkt dem Land Kinder, aber denkt an Eheverträge oder Bausparverträge, sorgt fürs Alter vor, schließt die Riesterrente ab (die wir hinterher voll besteuern)! Kurzum: Sichert Euch ab, denn wir tun es nicht.

Die Folgen überraschen mich nicht: Immer weniger Menschen bekommen Kinder. Denn wer einmal anfängt, sich das Armutsrisiko klar zu machen und alles gegenzurechnen (oder sieht wie sich die Kollegin mit zwei Kindern abstrampelt), lässt doch lieber die Finger davon. Ein Kind kostet bis zum 18. Lebensjahr rund 250.000 Euro. Das kann man auch anders investieren. Oder man schiebt so lange auf, bis man genug verdient und muss dann feststellen, dass schwanger werden gar nicht so leicht ist.

Wer sich heute Zeit nimmt, für andere zu sorgen – egal ob Mann oder Frau – bezahlt das am Ende bitter mit Renteneinbußen. Die Familien wissen das ganz genau, aber sie haben keine Wahl, weil sie Kinder zu versorgen haben. Also entscheiden sie in ganz unterschiedlichen Modellen, dass einer zurücktritt – und damit beruflich leicht auf dem Abstellgleis landet. Wieder tragen sie die Folgen davon allein; zumal, wenn es zu einer Trennung kommt.

Viele, die wir gesprochen haben, haben sich das noch gar nicht klar gemacht und wollen sie auch gar nicht: Sie leben in einer anstrengenden, aber ungeheuer erfüllenden Lebensphase. Es ist schön, das zu sehen, aber mich bedrückt der Gedanke, dass es statistisch bei jeder zweiten Familie, die wir treffen, schief gehen wird.

Natürlich kann man fragen: Was kann das Land dafür, dass jede zweite Ehe auseinandergeht? Man kann sich fragen, was läuft in den Köpfen der Menschen schief, dass sie gemeinsam Kinder in die Welt setzen und dann auseinander gehen, wenn es schlecht läuft. Dass sind in der Tat Dinge, für die man dem Staat wohl kaum die Verantwortung in die Schuhe schieben kann. Allerdings sehr wohl dafür, dass er diejenigen, die für ihre Kinder zurückgesteckt haben, dann im Regen stehen lässt.

Hinzu kommt: Das Klima für Familien hat sich deutlich verschlechtert – wer sich heute mit vollem Herzen kümmert, gilt einfach nur als konservativ und gestrig. Worte wie „bemuttern“, „behüten“ haben einen lächerlichen Beigeschmack bekommen.

Als mein erstes Kind geboren wurde, konnte ich nächtelang nicht schlafen, weil mir schlagartig klar wurde, dass dieses winzige, duftende, atmende Ding vollkommen abhängig ist von meiner Liebe und Fürsorge.

Und heute? Heute überlege ich ernsthaft ob ich eine Aussage von Agnes (einer sympathischen, liebevollen Mutter mit sieben Kindern aus Bayern) überhaupt senden kann, ohne dass sie „komisch rüberkommt“. Was sie darin sagt?:

„Alle sollen die Kinder möglichst weg organisieren, die Frauen sollen ganztags arbeiten gehen, Männer sollen ganztags arbeiten gehen, da bleibt die Familie wirklich auf der Strecke, da wird was zerstört, da bleibt kein Nest mehr, keine Geborgenheit. Da geht was kaputt – und nicht nur die kleinen Kinder, auch die größeren Kinder brauchen einen Ablaufpunkt, wenn sie heimkommen: Mama, das war heute, oder Papa, was auch immer. Es muss schon ein bisschen ein Nest da sein.“

Klingt irgendwie ‚unmodern‘, mag sein, aber ganz ehrlich: Ich finde, sie hat Recht. Und wir müssen daran arbeiten, dass alle Eltern auch weiterhin finanziell und psychisch in der Lage sind, ihren Kindern dieses Nest zu bauen.

Teilen