Gastbeitrag: Regisseurin Isabel Osthues-Sander über die (Un-) Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Kulturbetrieb

Ich arbeite in einem Männerberuf: Ich bin Regisseurin am Theater.

Für eine Frau und Mutter ist das äußerst anstrengend – aus (mindestens) zweierlei Gründen.

Da fast alle Theater in Deutschland seit Jahren mit Etatkürzungen zu kämpfen haben und diese Kürzungen auf bewegliche Gelder umgelegt werden, ist auch meine Gage betroffen. Angestellte am Theater sind durch ihre Tarifverträge gesichert, ich bin selbständig. Da sich bei den Angestellten demnach schlecht kürzen lässt, werden die Gagen der Künstler gekürzt: Das betrifft freie Schauspieler, Bühnenbildner, Kostümbilder, Musiker und Regisseure.

Ich bin jetzt seit 20 Jahren in meinem Beruf und verdiene immer weniger, je älter ich werde. Das heißt, ich muss für das gleiche Geld mehr arbeiten. Um auf die gleiche Summe wie vor zehn Jahren zu kommen, muss ich mindestens eine Inszenierung in der Spielzeit mehr arbeiten als früher. Das heißt im Klartext, dass ich noch weniger Zeit mit meiner Familie verbringen kann, da ich nicht in der gleichen Stadt arbeite, in der ich lebe.

Erschwerend kommt noch dazu, dass immer mehr Regisseure ausgebildet werden. Auf den reichlich knappen Markt mit immer weniger Geld drängen immer mehr sehr junge Regisseure, die auch bereit sind für wenig Geld zu arbeiten. Also engagieren sehr viele Theater aus finanziellen Gründen lieber junge Anfänger als erfahrene Regisseure, die unter einer bestimmten Gage nicht mehr arbeiten können.
Will man diesen Beruf auch noch mit einer Familie kombinieren, hat man es noch schwerer. Denn als Frau verdient man in dieser Männerwelt deutlich weniger als die Herren Kollegen! Da die Gagen am Theater relativ frei verhandelbar sind, wird ungern über Geld gesprochen, insofern kann man als Frau prima über den Tisch gezogen werden von den Herren, die die Gage verhandeln. Nur wenn man bereit ist offenzulegen was man verdient, lässt und ließe sich diese Ungerechtigkeit aushebeln, aber dazu sind viele männliche Kollegen nicht bereit, da sie dann möglicherweise Einbußen der eigenen Gage in Kauf nehmen müssten.

 

IsabelKoffer

 

Um meinen Beruf auszuüben muss ich reisen. Ich arbeitete an verschiedenen Theatern im ganzen deutschsprachigen Raum, also auch in der Schweiz und Österreich. Im Schnitt muss ich drei bis fünf Theater haben, an denen ich regelmäßig arbeiten kann, um auf meine drei Inszenierungen im Jahr zu kommen, die ich zum Überleben brauche. Von einer Karriere kann ich da noch nicht sprechen.

Wenn ich drei Inszenierungen im Jahr mache, bin ich ein halbes Jahr weg, da die Proben zwischen 6 und 8 Wochen dauern. In der Probenphase bin ich also nur am Wochenende zuhause und das dauert im Theater von Samstag 14 Uhr bis Montag um 10 Uhr. Je nachdem wie weit das Theater, an dem ich gerade arbeite entfernt ist, schrumpft das sogenannte Wochenende manchmal auf ein sehr geringes Maß. Wenn ich arbeite, sehe ich also meine Familie sehr wenig.

Als mein Sohn noch in die Kita ging, musste ich mir von einigen Erzieherinnen sagen lassen, dass die Probleme, die mein Sohn damals hatte, sicher damit zu tun hätten, dass ich so oft nicht zuhause bin. Dass mein Mann aber immer da war spielte offensichtlich keine Rolle!

 

Isabell

 

Familie geht in diesem Beruf – wie ich finde – nur mit einem Partner. Mein Mann ist ebenfalls selbständig, arbeitet aber in Hamburg und ist somit immer bei unserem Sohn. (Der ist inzwischen 12). Er kann sich die Arbeit ziemlich frei einteilen und kann daher mehr im Haushalt übernehmen, wenn ich nicht da bin. Um es ganz deutlich zu sagen: Wenn mir mein Mann nicht den Rücken freihalten würde, könnte ich meinen Beruf nicht ausüben. Ich bin also absolut abhängig von ihm.

Und eine Trennung können wir uns aus wirtschaftlichen Gründen ganz einfach nicht leisten (wollen wir auch gar nicht, ganz nebenbei!), wir arbeiten quasi jeder einen halben Job und kommen so gemeinsam auf ein durchschnittliches Gehalt. Von diesem Geld müssen wir allerdings ziemlich viel für die Zeit, in der wir nicht mehr arbeiten können zurück- und anlegen. Mein Mann und ich sind beide in der Künstlersozialversicherung, haben also damit Vergünstigungen der monatlichen Abgaben an die Renten- und Krankenversicherung. Das ist ein großer Vorteil und bei den Gagen für viele die einzige Möglichkeit überhaupt als Künstler zu arbeiten. Die Rente, die man dann später (vielleicht) von der KSK bekommt, ist aber auch nach 30-40 Jahren Arbeit so gering (sicher unter 1000€), dass man davon nicht leben kann. Also muss man anders vorsorgen und ist sich damit allein überlassen.

Um sich in einem solchen Beruf für eine Familie zu entscheiden, braucht man in jedem Fall einen Partner, der einem das Arbeiten überhaupt erst möglich macht und man muss ganz schön viel entbehren. Auf beiden Seiten. Ich kann nicht voll arbeiten, sonst sehe ich meine Familie gar nicht, und ich verbringe nicht sehr viel Zeit mit meiner Familie. Immer wieder anstrengend sich auf Zeit zu verabschieden und wieder mal nicht den Alltag zu erleben.

Warum ich das gemacht habe, weiß ich manchmal auch nicht! Aber ich liebe meinen Beruf und möchte nichts anderes tun. Und ich liebe meine Familie und möchte mir kein Leben ohne mein Jungs vorstellen. Ich kann diesen Beruf aber tatsächlich nicht empfehlen, wenn man Familie möchte.

Kurz: Es ist vielen Menschen in diesem Land nicht klar, dass die seit Jahren drastischen Kürzungen der Kulturetats dazu führen werden, dass Deutschland sein Theatersystem einbüßen wird.

Deutschland ist weltweit das einzige Land, dass ein Ensembletheater in dieser Form unterhält und damit auch den Bildungsauftrag staatlich geförderter Theater aufrecht erhalten will; das heißt eigentlich eine Kultur fördern möchte, die finanziell unabhängig sein kann. Damit Kunst unabhängig sein kann und erst dann kann es Kunst sein, darf die Kunst nicht (finanziell) abhängig sein vom Rezipienten. Sonst haben wir nur noch Privattheater, die ihren Zuschauern nach dem Mund reden (müssen).

Wenn es aber jetzt schon so ist, dass sich Familie und Beruf in der Kultur ausschließen, ist ziemlich klar wohin das in absehbarer Zeit führt.

Wollen wir das?

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