Gastbeitrag „Was wirklich zählt“ von Daniela Albert

Er verdient das Geld, sie kümmert sich um Kinder und Haushalt: Ein klassisches Familienmodell hatten meinen Mann und ich einst kategorisch ausgeschlossen. In wenigen Wochen werden wir es leben – weil wir es wollen.

Auch in meiner Herkunftsfamilie hatten schon immer auch die Männer Verantwortung für uns Kinder übernommen und die Frauen, sowohl meine Großmutter als auch meine Mutter, gearbeitet – und das in Westdeutschland. Für uns stand damals fest, dass wir beide arbeiten und Zeit mit unseren Kindern verbringen wollten, und es gab auch keinen Grund, etwas anderes zu planen. Immerhin hatten wir erst eineinhalb Jahre vor der Geburt unseres ersten Sohnes unser Studium abgeschlossen und arbeiteten in ähnlichen Bereichen auf einem ähnlichen Level.

Doch bereits in der ersten Schwangerschaft verschoben sich meine Prioritäten. Ein Wiedereinstieg nach dem Mutterschutz und geteilte Elternzeit konnte ich mir auf einmal nicht mehr vorstellen, und so entschieden wir, dass ich zumindest in den ersten Monaten zu Hause bei unserem Kind bleiben würde. Mein Mann orientierte sich zudem kurz vor der Geburt unseres Sohnes beruflich um, und so ergab sich, dass ich den größeren Teil der Familienarbeit übernahm. Dank meines emanzipierten – und verrenteten – Vaters konnte ich allerdings nach sieben Monaten wieder mit 20 Wochenstunden in meinen Job zurückkehren. Das genoss ich damals sehr und sagte deshalb auch zu, als man mir eine bessere Stelle mit mehr Verantwortung anbot. Die Strukturen meines Arbeitgebers machten es möglich, dass ich auch diese in Teilzeit ausüben konnte – und der Opa hielt mir den Rücken frei. Wenn der mal nicht konnte, trat mein Mann einen Schritt zurück und half mir, meine eigenen Ziele zu erreichen. Sonderlich gestresst fühlte ich mich in dieser Zeit ehrlich gesagt nicht. Die Zweifel an diesem Lebensentwurf kamen trotzdem recht bald – denn ich hatte unglaubliche Sehnsucht. Jeden Tag, wenn ich im Büro war, vermisste ich unseren Sohn. Jeden Abend war ich traurig über die Dinge, die ich verpasst hatte. Über die Spaziergänge, die ich nicht mit ihm gemacht hatte, die Worte, die ich ihn nicht hatte sagen hören und so vieles mehr. Mein einer freier Tag pro Woche vermochte das nicht aufzuwiegen. So kam es, dass ich wieder einen Schritt zurück trat. Ich drosselte mein berufliches Engagement und verbrachte mehr Zeit mit meinem Jungen. Bald darauf kündigte sich unser zweites Kind an, und für mich stand von Anfang an fest, dass ich das komplette Elternjahr nehmen wollte. Da sich bei meinem Mann in dieser Zeit die Chance einer unbefristeten Übernahme bei seinem Arbeitgeber ergab, passte dies auch für ihn sehr gut. Die Rückkehr an den Arbeitsplatz nach einjähriger Pause ermöglichte mir einmal mehr mein Vater, der sich über die Möglichkeit freute, noch ein Enkelkind begleiten und verwöhnen zu dürfen. Für mich war dies die perfekte Lösung – ich war flexibel und wusste meine Kinder in einer 1:1, maximal 1:2 Situation betreut, was ich als Erziehungswissenschaftlerin in diesem Alter für wichtig halte. Gehadert habe ich dennoch immer wieder. Obwohl ich dieses Mal darauf achtete, nur Projekte anzunehmen, die sich im Rahmen von 20 Wochenstunden Arbeitszeit stemmen ließen, meine Eltern jederzeit einsprangen, wenn es nötig war, die beste Putzfrau der Welt uns daheim viel abnahm und mein Mann genauso selbstverständlich wie ich zu Hause blieb, wenn die Kinder krank waren, fühlte ich mich bald wieder irgendwie falsch mit meinem Leben. Ich hatte das Gefühl, gehetzt zu sein, hatte ein schlechtes Gewissen, wenn ich im Büro aufgehalten wurde und meine Kinder später abholte und es fehlte mir, für sie Mittagessen zu kochen. Gerne wäre ich flexibler gewesen und hätte tagsüber mehr Zeit mit ihnen verbracht und abends einen Teil meiner Arbeit erledigt, aber diese Möglichkeit sah mein damaliger Arbeitgeber nicht vor. Glücklicherweise ergab sich in dieser Phase die Gelegenheit, den Arbeitsplatz zu wechseln. Meine neue Stelle war nicht nur inhaltlich um ein Vielfaches spannender, sondern bot mir plötzlich genau die zeitliche Selbstbestimmung, die ich mir gewünscht hatte. Zum ersten Mal fühlte ich mich angekommen im Leben als Mutter, die Beruf und Familie miteinander vereinbarte. Als unser drittes Kind unterwegs war, wollte ich meine spannende Arbeit daher auch nicht allzu lange unterbrechen – wieder passte dies genau in unser Leben, denn mein Mann wollte einen Teil der Elternzeit übernehmen. Wir entschieden uns für das 50:50 Modell, in dem beiden 20 Stunden arbeiten und den Rest der Zeit zu Hause sind. Mittwoch und Donnerstag sind seither meine festen Arbeitstage, Dienstag und Freitag arbeitet er, am Montag wechseln wir uns wochenweise ab.

Ich könnte nun eigentlich zufrieden sein, denn ich habe einen tollen Job und die häusliche Arbeitsteilung klappt so gut, dass ich habe nicht das Gefühl habe, in irgendeiner Weise zu kurz zu kommen.

Dennoch reifte in mir in den letzten Monaten der Wunsch, eine klassische Rollenverteilung zu leben; zu Hause zu sein, wenn der Große aus der Schule kommt, die Mittlere aus der Kita abzuholen, mit der Kleinen die alltäglichen Fortschritte zu teilen und die Geschichten der Kinder zu hören, wenn sie für sie aktuell sind und nicht, wenn sie die Hälfte ihrer Tageserlebnisse wieder vergessen haben. Aber es ist nicht nur dieser Wunsch – auch die Wirklichkeit hat uns in den letzten Monaten immer wieder gezeigt, dass die dauerhafte Anwesenheit eines Elternteils hier zu Hause von Nöten ist. Drei Kinder in drei unterschiedlichen Lebensphasen lassen sich nur sehr bedingt wegorganisieren. Der Aufwand, den wir betreiben müssten, um sie alle drei adäquat betreuen zu lassen, würde den Nutzen kaum rechtfertigen – trotz meiner flexiblen Teilzeitstelle wären ihre außerhäuslichen Tage lang – und meine auch. Sehen würden sie sich untereinander kaum noch, und unser Familienleben würde sich auf die Wochenenden beschränken. Das ist nicht das, was wir uns unter Familie vorstellen.

Wieder scheint es, als würde das Leben uns an dieser Stelle die richtigen Karten geben: Mein Mann hat mittlerweile eine Führungsposition inne, die auf Dauer wieder eine häufigere Präsenz am Arbeitsplatz nötig macht. Wenn seine Elternzeit im nächsten Frühjahr endet, werde ich nur noch einen Tag pro Woche arbeiten. Dieses großzügige Angebot hat mein Arbeitgeber mir gemacht, der viel Verständnis für meine Wünsche hat und auch meine häuslichen Notwendigkeiten sieht. Er drückt damit große Wertschätzung vor meiner Arbeit aus, indem er deutlich macht, dass er mich lieber nur einen einzigen Tag da hat, als mich und mein Wissen und Können ganz zu verlieren. Außerdem lässt er so die Tür für mich offen und hält eine Option für mich parat, die ich nutzen kann, wenn ich irgendwann das Gefühl habe, dass in meinem Leben wieder mehr Raum für Berufstätigkeit ist. Dies ist leider in unserer Arbeitswelt nicht selbstverständlich.

Ich finde, ein Aspekt der Kinderjahre wird in unseren Diskussionen häufig unterschätzt – und das ist der Aspekt der Liebe. Menschen sind aus Liebe bereit, die verrücktesten Dinge zu tun und sich selbst notfalls ins Unglück zu stürzen und das gilt ganz besonders – und allen Aufklärungskampagnen über die Risiken zum Trotz – für die Liebe zu den eigenen Kindern. Wenn wir Pech haben, führt sie uns in die Altersarmut oder zum notgedrungen angenommen Knochenjob, um die Kinder und die Sozialwohnung zu finanzieren. All das nehmen wir sehenden Auges und gern in Kauf.

Vielleicht sollte unsere Gesellschaft anerkennen, dass es gut ist, dass wir das tun. Vielleicht sollte sie sehen, was wir leisten. Für unsere Kinder, oft aber auch für die gesamte Gesellschaft. Es sind die nicht (Vollzeit) berufstätigen Mütter und Väter, die ehrenamtlich in Vereinen mithelfen, Spielkreise leiten oder Klassenausflüge begleiten. Es ist diese, von Politik und Medien oft verunglimpfte Gruppe, die gerade in den Kleiderkammern steht, um Sachspenden für Flüchtlinge zu sortieren. Es sind sie, die aushelfen, wenn die Kita mal wieder streikt oder Betreuer bei den Ferienspielen ausfallen. Zu glauben, es würde zukünftig ohne sie gehen, ist naiv. Aber auch für einen anderen Bereich werden Staat und Gesellschaft uns zukünftig brauchen: Mein Mann und ich mussten leider bereits einmal erleben, wie es ist, wenn aus den jederzeit hilfsbereiten eigenen Eltern Menschen werden, die unsere Hilfe brauchen. Zum Glück gab uns die Elternzeit die Möglichkeit, auf diese Situation flexibel zu reagieren und alles zu geben, was nötig war. Aus Liebe würden die meisten von uns wahrscheinlich immer so handeln, wenn es den eigenen Eltern schlecht geht – und der Staat kann sehr froh sein, dass dies so ist. Eine flächendeckende institutionalisierte Pflege und Betreuung der älteren Generation würde er gar nicht stemmen können – nicht ohne uns, die wir unentgeltlich und ehrenamtlich bereit sind, unseren Beitrag zu leisten.

Statt über Gefahren aufzuklären und Familienarbeit zu verunglimpfen wäre es von daher an der Zeit, diese anzuerkennen, wertzuschätzen und die sich daraus ergebenden Risiken für alle Beteiligten zu minimieren.


Über Daniela Albert / unvereinbarkeitsdebatte

Bereits seit vielen Jahren interessiere ich mich für familienpolitische Themen. Schon immer habe ich Diskussionen dazu nicht nur verfolgt, sondern besonders im Internet auch mitgestaltet. Meine eigenen Ansichten haben sich diesbezüglich in den letzten Jahren hin und wieder gewandelt, was nicht zuletzt daran liegt, dass ich selbst Mutter geworden bin.

Auf diesem Blog möchte ich immer wieder aktuelle Debatten verfolgen, Themen und Meinungen sammeln und vorstellen, Literatur zum Thema rezensieren, aber auch selbst Stellung beziehen, wenn ich es für richtig und wichtig halte.

Meiner Erfahrung nach ist Familienleben in Deutschland bunt und im Wandel – in den derzeitigen politischen Diskussionen wird es dagegen jedoch oft einseitig dargestellt, so als gäbe es nur die “vom Aussterben bedrohte” traditionelle Familie auf der einen und die modernen, vollzeitberufstätigen Eltern auf der anderen Seite. Besonders Frauen finden sich da schnell im Kreuzfeuer zwischen konservativen und feministischen Strömungen wieder und es scheint fast so, als sollte das gerade erst überwundene Dogma der Hausfrau durch das der Karrierefrau abgelöst werden. Mit diesem Blog möchte ich versuchen, ein vielfältiges und offenes Bild vom Familienleben in Deutschland zu zeichnen, das sowohl Mut machen soll, Kinder zu haben, zu erziehen und dazu zu stehen, als auch zeigen soll, dass dies nicht zwangsläufig das Ende aller beruflichen Perspektiven darstellen muss. Wichtig ist mir, dass jede Familie ihren eigenen Weg finden kann, der Staat kann dafür meiner Meinung nach nur ein paar Wegsteine legen, sollte sich aber auf keinen Fall zum Wegweiser in eine bestimmte Richtung machen, denn nicht immer passt das, was für die einen gut ist, auch zu den anderen.

Den Namen “Unvereinbarkeitsdebatte” habe ich gewählt, weil mich besonders ein neuer Trend in diesem Bereich interessiert, der der anfänglichen Alles ist möglich-Euphorie ein klares – eben nicht entgegen setzt.

Ich selbst bin eine 1979 in Kassel geborene Erziehungswissenschaftlerin, bin verheiratet und habe drei Kinder. Die Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit hat bei uns in den letzten Jahren immer mal wieder variiert, genau wie unsere Betreuungsmodelle. Zum Vorbild für die Allgemeinheit taugen wir nicht – und wollen das auch gar nicht. Wir gehen unseren Weg, so wie er zu uns und den jeweiligen Lebenssituationen passt und hoffen, dass dies irgendwann auch jeder andere tun kann – ohne sich dabei vor irgendwem rechtfertigen zu müssen.

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