Gastbeitrag Claire

Gestern haben wir einen Artikel zur Diskriminierung von Müttern beim Wiedereinsteig in den Job gepostet.

Heute fragt Claire, 2 Kinder, alleinerziehend, warum kann es nicht mal andersrum laufen:

„Alleinerziehende werden bei gleicher Eignung bevorzugt eingestellt „

Der Titel „Alleinerziehende werden bei gleicher Eignung bevorzugt eingestellt“ ist leider in unserer Arbeitsrealität noch lange nicht angekommen. Er ist noch nicht mal in weiter Ferne zu erkennen und  stand in der Betreffzeile einer E-Mail-Initiative, die ich im April 2016 gestartet habe und die ich an 21 Abgeordnete des Bayerischen Landtags geschickt habe, da ich einfach keine Arbeitsstelle mehr finde, seit ich mein 2. Kind bekommen habe im September 2014.

Ich habe mit der Stellensuche angefangen als mein kleiner Sohn 7 Monate alt war. Geplant war von mir, das ich im September 2015 wieder arbeiten gehe (seit 2009 bin ich alleinerziehend, mit dem Vater meines 2. Sohnes habe ich nie zusammengelebt, die Schwangerschaft kam „überraschend“ als die Beziehung bereits am Ende war). Da ich seit 2008 im Bereich der Erwachsenenbildung mit Langzeitarbeitslosen gearbeitet habe, in verschiedenen immer befristeten Anstellungsverhältnissen, konnte ich nicht einfach wie andere Mütter zu meiner alten Arbeitsstelle zurückkehren um hier weiterhin für den Familienunterhalt zu sorgen.

Der Arbeitsmarkt ist aufgrund der meist befristeten Anstellungsverhältnisse für alle Arbeitnehmer in den letzten Jahren schwierig geworden. Als alleinerziehende Mutter bin ich natürlich auf mein Gehalt doppelt angewiesen, um die Familie mit zu ernähren (ich bekomme Unterhalt, Gott sei Dank, sonst wäre meine Situation noch schwieriger gewesen in den letzten Jahren).

Des Weiteren trat das Gesetz zur Änderung des Unterhaltsrechts  zum 1.1.2008 in Kraft, was die Lage von alleinerziehenden Müttern und Vätern noch verschärft. Es beinhaltet unter anderem, dass der Betreuungsunterhalt auf 3 Jahre befristet wird und danach auf die Pflicht zur eigenen Erwerbstätigkeit verwiesen wird. Vollzeitarbeit ist zumutbar und der Mann ist keine Altersvorsorge. Die Frau natürlich auch nicht! Mit diesem Gesetz wird jedoch in keiner Weise gewürdigt, dass Kinder groß ziehen an sich schon einen Vollzeitjob darstellt. Kindererziehung ist Arbeit und zwar 24 Stunden / 7 Tage die Woche bei alleinerziehenden Eltern, vor allem wenn der Expartner weit weg gezogen ist oder sich einfach von sich aus nicht kümmert.

Wenn solche grundlegenden gesetzlichen Änderungen stattfinden, muss es natürlich grundsätzlich die Voraussetzung dafür geben am ARBEITSMARKT, dass eine alleinerziehende Mutter/ein alleinerziehender Vater, seinen Lebensunterhalt selbst verdienen kann indem er auch eingestellt wird und nicht als Hemmschuh für den Betrieb angesehen wird, weil er Kinder hat, die Ferien haben oder krank werden können. Sicherlich hätten alleinerziehende Mütter und Väter nichts dagegen einzuwenden, wenn Sie in Stellenanzeigen lesen würden:“Alleinerziehende werden bei gleicher Eignung bevorzug eingestellt.“

In der Zeit vom 12.05.2016 schreibt Christine Finke in Ihrem Artikel („Der wahre Rentenskandal“), dass ihr Personaler unter vier Augen sagten, das die Tatsache, dass sie drei Kinder hat ein absolutes K.-o.-Kriterium sei bei einer Bewerbung, da die Kinder ja THEORETISCH krank werden können.

Dies kann ich aus meiner Erfahrung heraus bestätigen. Ich habe bereits mit einem Kind und alleinerziehend ganz schwer und nur mit viel Initiative eine Anschlussarbeitsstelle damals gefunden, als mein ehemaliger  Arbeitgeber den Standort schloss wegen des Aufschwunges am Arbeitsmarkt Ende 2011 (es gibt dann ja weniger Langzeitarbeitslose). Nun mit dem 2. Kind bekomme ich keinen Fuß mehr in den Arbeitsmarkt, und das macht mich wütend.

Ich habe immer gearbeitet in meinem Leben und stehe nun davor mit 41 Jahren Hartz-4 beantragen zu müssen, denn mein Arbeitslosengeld läuft im Juli aus. Die Väter meiner Kinder werden dann auch noch bestraft, dass sie Unterhalt bezahlen für ihre Kinder. Denn ich bekomme mit Unterhalt und Kindergeld so viel Geld wie ich im Hartz-4-Bezug bekommen würde und somit werde ich vom Staat gezwungen zum größten Teil vom Unterhalt meiner Kinder zu leben (ich selbst bekomme für mich 280 Euro Unterhalt), der Kindesunterhalt und das Kindergeld wird mir als Einkommen angerechnet vom Jobcenter. (Ich war letzte Woche dort um mich zu erkundigen). Wenn also mein Arbeitslosengeld im Juli wegfällt müssen meine Kinder und ich mit 933,00 Euro weniger im Monat leben. Wie das gehen soll, weiß ich noch nicht. Ich lebe von einem Tag zum anderen, nur so kann ich die Unsicherheit aushalten.

Kraft in dieser schwierigen Zeit schöpfe ich aus dem Zitat von George W. Carver (1864-1943), der Beispielhaft für mich ist, wenn es darum geht Standhaft seinen Weg zu gehen, trotz aller Widrigkeiten:

„Wie weit Du im Leben kommst,

wird davon abhängig sein,

wie weit Du

zärtlich mit den Kleinen umgegangen bist,

mitfühlend mit den Alten,

Anteil nehmend mit denen, die sich anstrengen

und geduldig mit den Schwachen und den Starken.

Denn eines Tages wirst Du dies alles gewesen sein.“

Es geht weit über meine Grenze,  geduldig zu sein mit den Starken (Politikern, Arbeitgebern, Entscheidern). Ich übe jeden Tag von neuem Geduld mit den Starken, manchmal verzweifelt so wie letzte Woche, als ich aus dem Jobcenter kam und geheult habe vor Wut; manchmal auch hoffnungsvoll, weil ich am 23.06.16 ein Vorstellungsgespräch habe , oft auch resigniert weil ich wie heute wieder 2 Absagen bekommen habe, aber immer mit der Liebe in meinem Herzen zu meinen Kindern.

Wir müssen aufstehen und kämpfen für sehr gute Bedingungen wenn es darum geht unsere Kinder groß zu ziehen – Einelternfamilien und klassische Familien. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass Kindererziehung an sich als Vollzeitarbeit anerkannt wird und das wir eine (unbefristete – wir wollen zu Anfang nicht gleich zu viel fordern – oder doch? Doooch!!!) Arbeitsstelle haben um für das Familieneinkommen sorgen zu können. Einelternfamilien sind unter den Familien besonders unterstützungswürdig und keinesfalls hilfsbedürftig.

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