Gastbeitrag: Dänemark, das Familienparadies?

Unser Leben mit Kindern in Dänemark

von Juliane von Gehren

Seit fast 9 Jahren leben wir in dem Land, dem der Ruf vorauseilt, dass dort für Familien alles viel es besser ist: Dänemark, das familienfreundliche Land!

Die Deutschen strömen hier im Sommer hin, scharenweise, auf der Suche nach Sommersprossen, Bullerbü, Clogs, Wind im Haar und der dänischen Hygge, nach dem einfachen Leben und den einfachen Lösungen für alles, was zu Hause in Deutschland so kompliziert und schwierig ist.

Dann ist nichts faul im Staate Dänemark. Arbeitszeiten, Jobmarkt, Kinderbetreuung, die so hyggeligen und kinderlieben Dänen, da kann Deutschland an vielen Stellen einpacken!

So sind wir hier auch hergekommen. Vor fast 9 Jahren hat uns ein Job nach Kopenhagen verschlagen. Wir hatten kaum Erwartungen, waren vor allem neugierig, weil wir Lust auf Neues und Ausland hatten.

Wir haben dann statt der geplanten drei Jahre ganze acht in Kopenhagen gelebt, sind nach 4 Wochen das erste Mal Eltern geworden und im Laufe der Jahre noch zwei weitere Male. Wir haben erst auf dem hippen Nørrebro in einer kleinen Wohnung, dann in einem Haus im Süden Kopenhagens gewohnt. Wir haben  hier unsere ersten echten Jobs gehabt, hatten jeweils bisher 2 Arbeitsstellen  und sind nun nach 8 Jahren von Kopenhagen auf die zauberhafte Insel Fyn (Fünen) gezogen. Bei den vielen Veränderungen in Bezug auf Jobs, Wohnumstände und Kinderanzahl haben wir viel experimentiert.

Vorweggenommen: Vieles ist toll, an Kopenhagen sowieso, an Dänemark aber auch. Der Gedanke, nach Deutschland zurückzugehen, war unwirklich genug, um es nicht zu tun. Wir haben die großartige Position, einiges anders zu machen, weil wir Ausländer sind und es anders kennen, und uns aus dem Dänischen das Beste für uns herauspicken zu können.

Nach all den Jahren, in denen wir vieles gesehen haben, wissen wir aber, dass gerade diese Selbstbestimmtheit ein echtes Privileg ist, das viele Dänen eben gerade NICHT haben, sondern  eben nur wir – eben aus oben genannter Exotenstellung heraus. Viele, viele Dänen, vor allem der Hauptstadtbewohner, leben ebenfalls  – genau wie die deutschen Mütter und Väter – unter einem riesigen Druck! Das ist mir in den Jahren dort klar geworden.

In dänischen Familien haben beide Eltern in der Regel Vollzeitjobs und 2 Kinder, Trend geht verhalten zu drei. Die Wohnungen sind winzig, es gibt keinen Mietmarkt, dafür ist Kaufen üblich und die Immobilienpreise horrend. Kinder haben heißt hier also auch: Schulden haben und sehr wenig Platz.

Hinzu kommt: Man hetzt auch in Dänemark stets der Zeit hinterher. und das auch noch auf dem Fahrrad, bei Wind und Wetter. Businesskostüm, Gummistiefel, Fahrradhelm, Helmhaare sind Standard. Das klingt irgendwie cool und umweltfreundlich, ist es ja auch, aber eben auch wahnsinnig anstrengend.

Ein Auto zu haben kostet uns hier auf er Insel 400 Euro im Monat – in Kopenhagen kämen unbezahlbare Parkgebühren hinzu. Ein Luxus, den sich viele nicht leisten wollen oder können. Also sind „Helmhaare“ nicht nur Standard, sondern schlichtweg Trend. „ So ist das eben“ ist eine übliche Phrase, die ich hier sehr oft höre.

Um den Einkauf auch noch mitnehmen zu können, haben viele Kinderfamilien grosse Lastenräder. So auch wir. Wir haben darin neben Kindern (erst einem, dann zwei) 5 Jahre den gesamten Wocheneinkauf transportiert, jeden Baumarktbesuch bestritten und auf´s Wetter geflucht, wenn Herbst und Winter mit Schneewehen – und natürlich immer mit Gegenwind – nicht enden wollten. Warum? Weil wir es uns schlicht nicht anders leisten konnten, trotz zweier Jobs. Die Dänen tragen das augenscheinlich mit Fassung. Ich hingegen war nach diesen Jahren vielleicht fit, vor allem aber fix und fertig. Als ich einmal mehrfach durchgeregnet und frierend im Job auftauchte legte mir eine dänische Kollegin die Hand auf die Schulter und sagte: „Ich kenne das. Du musst hart sein! Sei hart, hart, hart!“

Es war aber nicht meine Kultur und auch nicht mein Wunsch, so hart zu werden. Ich mag mein empathiegeprägtes Umfeld aus Deutschland, und ich mag Sitzheizung im November. Ich bin zu weich, ich weiß, aber braucht man nicht auch das, um Kinder großzuziehen? In Kopenhagen ist tough sein Trumpf. Daran konnte ich mich nur schwer gewöhnen, denn ich habe die fehlende Weichheit auch als Mangel an Offenheit empfunden.

Es gibt aus deutschen Augen also einige Entbehrungen. Das Leben ist unsagbar teuer, viele viele Annehmlichkeiten im Alltag, grade mit Kindern, fallen weg. Hier herrscht keine Dienstleistungsmentalität. Hebamme, die nach Hause kommt? Fehlanzeige. Auch nachbarschaftliche Solidarität ist nicht im Denken verankert, da man mit den hohen Steuern ein funktionierendes öffentliches System bezahlt, in dem jeder dann bitte allein klarkommen soll wenn’s recht ist. Da hält einem mit Kinderwagen kein Mensch die Tür auf.

Sich Hilfe zu kaufen, gilt hier als snobby. Schon eine Putzhilfe zeugt von Schwäche. Denn man würde sich niemals anmerken lassen, dass einem in dem hiesigen so auf Selbstbestimmtheit und Gleichberechtigung ausgelegten Leben irgendwann die Puste ausgeht. Man hat immer das bisschen mehr an Ressourcenüberschuss, hier Overskud genannt. Ohne Overskud geht nix.

Was antwortet man also, auf die Kollegen-Frage: „Und, wie gehts mit dem dritten Kind?“ Richtig, man antwortet kurz und knapp: „Super!!“ Denn alles andere würde mit einem überraschten, ungläubigen Laut „nåååå?“ kommentiert: Jammern gehört sich hier nämlich nicht.

Also schluckt man runter, was in Wahrheit los ist: dass der Kleine in der Krippe jeden Morgen weint, dass man innerlich deshalb total zerrissen ist, dass man drei Kinder allein an drei verschiedene Orte radeln musste, weil der Gatte lange Wege pendelt und dass man eigentlich jetzt schon wieder reif fürs Bett ist.

In Dänmark also sieht ein ein ganz normaler Tag so aus: Mor (Mami) ist um 7.30 auf dem Job und Far (Papi) verteilt radelnd die Kleinen auf Schulen und Kindergärten, um erst gemütlich um 8.30/9.00 zu starten. Nachmittags geht die Logisik abwechslend (weil natürlich immer sehr gleichberechtigt) rückwärts, und Mor radelt um 15.00 nach exakt 7 Stunden Arbeit und einer halben Stunde Mittagspause retour, um um 15.30/16.00 am Kindergarten, Schule, Krippe … zu stehen und wertvolle Familienzeit mit den Kleinen zu verbringen. Diese haben sodann etwa 8 Stunden in der jeweiligen Institution verbracht – meist wirklich guten Pädagogen erzogen. Dennoch: 8 Stunden sind eine lange Zeit – für Mama UND Kinder. Und da Pläne und Logistik selten aufgehen, ist es häufig auch 17.00. Hier schliessen die meisten Institutionen. Auf Kopenhagener Radwegen hört man um diese Uhrzeit deshalb vor allem eines: schreiende Kinder. Dass auch die Mütter nach diesem Ritt völlig auf sind, würden sie nie zugeben. Immer Kontrolle haben  – und immer Overskud.

Die vielen Herausforderungen, die der Alltag hier hat, werden  noch mit Bisethäubchen verziert, die genau wie die Vollzeitarbeit und geeinte Schliesszeiten der Insitutionen in Stein gemeisselter Lifestyle sind: Man wohnt in kleinen stylischen Neubauhaushälfte, hat Designerleuchten im ganzen Haus, minimalistische teure Einrichtung, All-Inclu-Reisen in die Türkei im Sommer und Skifahren im Salzburger Land oder Schweden im Winter.

Die Klamotten für die Kinder kosten ein Vermögen, auch hier wird also viel viel Geld ausgegeben, das ja irgendwo herkommen muss.

Die Kinder gehen hier genau wie in Deutschland zum Eltern-Kind-Turnen, dann zur Gymnastik und zu  dann zu den Pfadfindern. Gemeinschaftsgefühl ist alles in Dänemark und muss früh trainiert werden….

Bei den vielen Freizeitaktivitäten  bringt Mami- Mor  niemals (so wie ich) immer nur die Pappteller und 2 Tüten Chips oder gar Brötchen (Boller) aus Fertigbackmischung mit. Nein. Es wird selbstgebacken, nachts, wenn alles schläft, natürlich in Dinkel, was hier spelt heisst. Die ambitionierten Mütter nennen  sich daher in einem Versuch von ironischem Selbsttrost speltmor (Dinkelmutti). Weiterhin hat alles weitere, was in die Nähe der Familie kommt hat økologisk zu sein. Dänemark hat also durchaus Statussymbole – sie heißen nur anders.

Man versucht hierzulande offenbar viel vom dem, was man selbst aus der Kindheit kannte und was das freiheitliche, sozialistisch geprägte Dänemark immer ausgemacht hat, mit den heutigen Anforderungen einer strenger werdenden Marktwirtschaft zu vereinen. Das passt aber nur sehr bedingt zusammen, wie alle schmerzlich erfahren müssen.

Pro Familie haben die Dänen die meisten Arbeitsstunden in Europa, habe ich mal gelesen. Tatsächlich werden mehr und mehr Eltern mit Stresssymptomen krank geschrieben. Teilweise Langzeit. Tatsächlich gibt es in den letzten Jahren wie in Deutschland einen stürmischen Run auf alles, was Mindfullness, Yoga, Selbstfindung, mehr Teilzeitstellen o.ä. heißt.

Weil auch hier die Leute auf Sand laufen und an ihre natürlichen Grenzen stoßen. Weil auch hier das System nicht perfekt ist.

Das System ist ausgerichtet aus Erwerbsfähigkeit, um die Wirtschaft in diesem kleinen Land funktionieren zu lassen. Die Jobbedingungen auf den Arbeitsplätzen sind toll, das muss man wirklich sagen! Es ist manchmal ein bisschen wie bezahlte Freiheit.

Man darf sich jedoch nicht dazu hinreißen lassen, zu glauben, das sei ein freiwilliges Angebot, denn die Wahl  hat man nicht. Das System ist auf zwei Incomes pro Familie ausgelegt, Teilzeitjobs eine Rarität (Ich hatte das unsagbare Glück, zwei zu haben). Das alles schafft zwingende Voraussetzungen, sich dem System unterzuordnen.

Und das kann stressen. Denn wie wir alle erfahren haben, sind Kinder schwer in ein zeitlich-effizientes System zu pressen. Die Eltern reiben sich also auf, verlieren dabei heimlich irgendwo ihren Overskud und enden oftmals im Eye of the Tiger. Das ist bei manchen ein Burnout, bei vielen der Versuch der Befreiung, indem man sich von seiner Familie trennt und etwas ganz anderes macht.

Der neue Trend in Dänemark heißt also: Patchwork. Kommt Euch das bekannt vor…?

Und so überlege auch ich, ob ich bei den Spielkameraden meiner Kinder nicht eine Tabelle mit Mor/Far-Wochen haben sollte um zu wissen, mit wem ich wegen eines Playdates zu sms´en habe.

Aber die dänische Härte und Lapsigkeit hat auch ihre Vorteile: wie der Nachbar das mit seinen Kindern regelt ist seine Sache – und das entlastet schon, weil man sich nicht ständig bewertet fühlt. Und trotz der großen Belastung haben meine dänischen Bekannten relativ selten Zweifel an dem Modell,  das sie leben – darum beneide ich sie schon manchmal als deutsche Zweiflerin. Nur bei sehr engen dänischen Freundinnen (oft übrigens denen, die mit deutschen Männern verheiratet sind) und auch mal aus Dänemark rausgekommen sind, bricht sich manchmal wie aus Versehen der Frust seine Bahn. Das sind aber seltene Momente der Ehrlichkeit.

Es ist also tatsächlich nicht alles perfekt im Staate Dänemark – so gern wir hier auch leben.

Wahrscheinlich ist jede Gesellschaft so wie jede Familie eine Mischung aus Visionen, Illusionen und faktischen Anforderungen.

Aber das interessiert im Urlaub auf Rømø keinen, oder?

Meine Botschaft ist einfach: Hier ist auch nicht alles besser, also kommt auf eigene Ideen in Deutschland!

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