Drehbericht: Svea

Die Vorstadtsiedlung, in der Svea lebt, ist wie geschaffen für junge Familien. Genau genommen wurde sie genau aus diesem Grund überhaupt erst erschaffen: Für Großstadteltern, die mit ihren kleinen Kindern ins Grüne wollen. Und deren Verdienst ausreicht, um ein Reihenhaus abzuzahlen. „Scheibchenvilla“ nennt Svea ihre „auf die Seite gestellte Wohnung“ mit drei schmalen Stockwerken. Keines der Paare, die sich hier niederlassen, kann sich vorstellen, dass das lang ersparte Glück vielleicht nicht in Erfüllung gehen könnte. Als sie mit ihrem Mann und den ersten beiden Kindern in die Siedlung zog, hatte Svea immer noch die Vorstellung, dass sie sich um die Familie kümmert und er um die Karriere.

Es kam anders. Nicht etwa umgekehrt, leider, vielleicht hätte das die Ehe retten können. Wenn Svea als Ärztin für das Familieneinkommen verantwortlich gewesen wäre und ihr Mann als freier Designer „dazu verdient“ und ihr ansonsten den Rücken frei gehalten hätte. Es kam nicht nur anders, es wurde auch zunehmend schlimmer, denn ihr Mann arbeitete mit vollem Einsatz, meistens von früh morgens bis spät in den Abend, auch an den Wochenenden, schaffte es aber nie raus aus dem Minusbereich. Auch nicht über Jahre, auch nicht nach der Geburt des dritten Kindes.

Svea rutschte, ohne es zu wollen, in die Rolle der Hauptverdienerin. Ohne einen Partner, der ihr den Rücken frei gehalten hätte. Für die Kinder und den Haushalt hatte ihr Mann kaum Zeit, denn er arbeitete ja stetig und erfolglos an seinem Durchbruch als Unternehmer. Im Nachhinein kann sich Svea nicht mehr erklären, wie sie diese Zeit überstanden hat, immer und ständig an der Grenze zum Burnout. Nüchtern betrachtet haben beide so lange an ihren Rollenvorstellungen fest gehalten bis die Erschöpfung und die Enttäuschung zu groß waren, um sich über den Scherbenhaufen hinweg die Hand zu reichen. Und bis das Geld knapp wurde. Die Familien um die herum hatten es doch auch geschafft, warum nur sie beide nicht?

Insofern hatte Sveas Umfeld vielleicht indirekt damit zu tun, dass sie überhaupt so lange durchgehalten hat. Und dieselben Menschen haben sie – wie sie es selbst ausdrückt – „gerettet“, als das Kartenhaus zusammenbrach.

Für mich als Autorin war dieser Hintergrund zu Sveas Geschichte der Überraschendste, denn ich habe in meinem Umfeld oft genug beobachten können, was passiert, wenn sich ein Paar trennt: Plötzlich ist die Alleinerziehende sozial isoliert, weil sie nicht mehr in den Paare-Kosmos passt, der aus gemeinsamen Abendessen und Gruppenurlauben mit mehreren Familien besteht. Meistens meint es niemand böse, es wird nur alles so „furchtbar kompliziert“ und irgendwie will auch keiner so genau wissen, wie es einem geht, wenn die heile Familienwelt zerbricht. Geschweige denn vielleicht sogar noch helfen und unterstützen müssen….

Bei Svea kam auch das ganz anders als gedacht: Die Nachbarn waren für sie da, als der Strom abgeschaltet wurde, weil der Ex eine Rechnung vergessen hatte. Sie waren da, wenn die Kinder mal früher aus der Schule kamen und vor verschlossener Tür standen oder sie stellten ein Glas Wein auf den Tisch, wenn Svea einfach mal reden musste. Inzwischen ist sie längst nicht mehr die einzige alleinerziehende Mutter in der Siedlung. Und wenn alles nach Plan läuft, dann könnte sie dort auch alt werden. Mit oder ohne neuem Partner.

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