Drehbericht: Fanni & Paul

Liebe Fanni, lieber Paul,

keinen Schreck kriegen, aber ich habe lange darüber nachgedacht, was nicht stimmte, an diesem Tag bei Euch. An dem Dreh, der Stimmung, dem Gespräch? Nicht mal das hätte ich benennen können. Bis mir auffiel, dass es an mir lag: Ich war angekratzt, vielleicht sogar etwas stinkig.

Ich glaube: Weil Ihr es nicht wart.

Stattdessen habt Ihr ganz gelassen und höflich über all das gesprochen, was Euch den Alltag erschwert: Über die 550 Euro Kita-Gebühren, die Fannis Gehalt auffressen. Darüber dass die „Kinderkrankentage“ schon im Februar dieses Jahres aufgebraucht waren. Weil es nun mal so ist bei kleinen Kindern. Ganz zu schweigen davon, dass die Mama sich meistens mitansteckt, ohne sich hinlegen zu können….Über die Leute, die Euch „komisch angucken“, weil Ihr Eure Kinder morgens um 7:00 zur Kita bringt und Euch fragen, warum Ihr Euch das antut. Über eine große Behörde wie die Polizei, die offensichtlich keine Rücksicht darauf nimmt, dass eine Familie ab und zu ein Wochenende braucht – wenn es schon keinen planbaren Alltag gibt.

Wenn Fanni nicht arbeiten würde, hättet Ihr beide genauso viel Geld zur Verfügung wie jetzt. Aber wenn sie zuhause bleibt, fehlt ihr später die Rente. All das könnt Ihr „nicht nachvollziehen“, ein Kraftausdruck würde Euch nicht über die Lippen kommen. Das spricht für Euch. Und für Hunderttausende andere Familien in Deutschland, die bei all dem gelassen bleiben. Aber ich habe da einen Verdacht:

Ich glaube: Ihr seid einfach zu erschöpft, um Euch aufzuregen. Auch wenn Ihr keine außergewöhnlichen Belastungen stemmen müsst wie ein behindertes Kind und beide gesund und fit seid. Trotzdem oder gerade deshalb: Dieser Alltag, dem sich Millionen von Müttern und Vätern in Deutschland jeden Tag stellen, ohne Amok zu laufen, frisst so viel Energie, dass nichts mehr bleibt, um für sich selbst einzutreten.  Ich bin froh, liebe Fanni, dass Du es geschafft hast, uns zu schreiben. Nach den „All-Tagen“, die Du „abarbeitest“ hätte ich mich an Deiner Stelle nicht mehr aufraffen können, lange Mails zu verfassen.

Ich kann mich vielleicht glücklich schätzen, dass mir noch Energie bleibt, um mich aufzuregen: Darüber dass eine Gesellschaft es für selbstverständlich hält, dass Mütter und Väter jeden Tag, neben dem Beruf, Ihren Job machen. Die sich darauf verlässt, dass Eltern sich bedingungslos ihrer Verantwortung stellen. Und trotzdem das Bruttosozialprodukt stemmen. Obwohl sie ihr ganzes Leben draufzahlen, vor allem im Alter.

Die gute Nachricht: Bei all dem sind (die meisten) Eltern nicht mal unglücklich. Im Gegenteil.

Das allein schon spricht fürs Kinderkriegen…

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