Drehbericht Annette

In der Wohnung herrscht das reinste Chaos. Die Böden der beiden Kinderzimmer sind übersät mit Spielzeug, Wohnzimmer und Küche sind zwar sauber, aber sie wirken auf den Besucher so, als ob deren Bewohner die Idee von Ordnung schon lange aufgegeben hätten.

„Prioritäten setzen“ nennt es die alleinerziehende Mutter von 2 Kindern. Den Alltag zu organisieren, sei schon schwer genug, da will die Mutter ihre Kinder nicht noch mit ständigen Ermahnungen quälen.

Annette hat einen Vollzeitjob als Eventorganisatorin. Der Job geht oft bis in die Nacht. Dafür hat sie einen Pool an Babysittern, die sich per Whatsapp-Gruppe absprechen, wer wann zur Verfügung steht.

Annettes Tag beginnt um 5.45 Uhr und endet an normalen Tagen – ohne Abendveranstaltung – meist mit der letzten Waschmaschine um 23 Uhr. Da müssen die Kinder organisatorisch mitziehen. Sie fahren selbstständig mit Bus und Bahn und gehen allein in Kindergarten und Schule. Die Termine sind genau getaktet und wenn der Vater sie alle zwei Wochen für ein verlängertes Wochenende übernimmt, ist er per Google-Kalender über Termine, Einladungen und Geburtstage bereits informiert.

Die dreckige Wäsche nach einem Wochenende beim Vater bekommt aber – „natürlich“ sie.

Die anderen Mütter beneiden sie oft um ihre „freien Wochenenden“. Doch darüber kann Annette nur müde lächeln, denn dann macht sie das, was über die 10 Tage liegen geblieben ist: putzen, aufräumen, die persönliche Korrespondenz erledigen, die nächsten Tage organisieren, etc.

Zwischen Job und Kindern bleibt kaum Zeit für irgendein Privatleben, ganz zu schweigen von einem neuen Partner. Tagsüber arbeitet sie bis 17 Uhr, abends ist sie kaputt. Das Familienleben muss irgendwie dazwischen passen. Eine Beziehung wäre eine 3. Baustelle, die Kraft kosten würde. Ein Patchworkversuch ist daran gescheitert, dass Annette und der Neue zwar viel turbulente Zeit mit den insgesamt vier Kindern verbrachten, aber eben praktisch keine Zeit zu zweit blieb…

Sie genießt ihre enge Verbundenheit mit den Kindern, die Sommerzeit in ihrem halbverwilderten Garten mit Obstbäumen, Indianerzelt und Kaninchenkäfig. Und abends, nach dem Zubettgehen, hat sich die Mutter ein wunderschönes Ritual ausgedacht: wenn das Licht aus ist, dürfen die Kinder erzählen, was so passiert ist am Tag und was sie gerade beschäftigt. Da kommen dann die Sehnsüchte, die Sorgen und die Glücksmomente ans Licht.

 

 

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