Drehbericht: Anna & Thomas

Ich würde es nicht wagen, so etwas zu schreiben, wenn ich nicht selbst aus einer Kleinstadt käme, aber so weiß ich zufällig, dass die Erwartungen an Eltern, vor allem an die Mütter, auf dem Land oft sehr viel enger gesteckt sind als in der Großstadt. Deshalb war der Besuch bei Anna und Thomas in vielerlei Hinsicht eine Überraschung. Erstens weil Thomas seine Berufslaufbahn nach der Familie ausgerichtet hat. Obwohl sein Job ihm Spaß gemacht hat und er gut verdienen konnte, hat er sich gegen eine Stelle als Ingenieur entschieden. Ein Schritt, den viele Paare in ihrer Umgebung nicht mal in Erwägung ziehen würden und der nicht wenige irritiert. Bis hin zu versteckten Vorwürfen, ob die Kinder nicht vielleicht doch leiden …

Thomas hat gekündigt und sich einen neuen Job gesucht – mit geregelten Arbeitszeiten, mit Vorgesetzten und Kollegen, die genauso selbstverständlich Elternzeit nehmen wie er selbst. Weil sein erste Stelle mit vielen Dienstreisen und etlichen Überstunden zu sehr auf Kosten des Familienlebens ging und er die Zeit zuhause nicht zuletzt auch brauchte, um Anna bei ihren eigenen Plänen zu unterstützen. In vielen, wahrscheinlich in den meisten Familien, nicht nur auf dem Land, ist es die Frau, die ihre Pläne anpasst, damit die Kinder betreut werden. Stattdessen hat Thomas seine Wünsche zurück gestellt – um Anna das Studium zu ermöglichen, von dem sie lange geträumt hat.

Er bringt die Kinder morgens zur Kita, sie holt sie ab. In den Prüfungsphasen übernimmt er beide Wege und schmeißt auch den Großteil des Haushalts. Ich habe selten ein Paar getroffen, bei dem beide so genau die Belastung und die Gefühle des anderen im Blick haben und das sich im besten Sinne umeinander kümmert – eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Die beiden könnten ein Rolemodel sein für eine zeitgemäße Familienpolitik. Unter anderem, weil sie mit Annas Studium über Jahre daran arbeiten, dass zur Not jeder der beiden für die Familie aufkommen kann und Anna nicht in wirtschaftliche Abhängigkeit gerät.

Annas und Thomas Lebensmodell kenne ich von vielen Paaren aus Hamburg: Der Alltag der beiden ist komplett durchgetaktet. Wenn ein Kind krank wird, gibt es keinen Notfallplan, oft müssen sie dann das „Chaos verwalten“. Sie sind nicht nur auf eine Tagesmutter angewiesen, die flexibel ist, wenn Annas Zug nicht fährt und sie nicht rechtzeitig zurück ist. Sie müssen sich zum Beispiel auch auf andere Eltern verlassen, die ihren Sohn mit zum Training nehmen, wenn beide nicht zu Hause sind. Ohne dass sie umgekehrt die Möglichkeit haben, diesen Gefallen jemals „zurück zu zahlen.“ Trotzdem reden sie oft darüber, ob es den Kindern gut geht, und achten sehr darauf, dass die Bedürfnisse ihrer Jungs nicht zu kurz kommen.

Die Politik könnte viel von Anna und Thomas lernen, denn wenn sich ein Paar mit drei Kindern so sehr anstrengt und aus eigener Kraft so viel schafft, dann müsste ihnen jede weitere Hürde aus dem Weg geräumt werden. Es dürfte nicht passieren, dass die beiden „mit einem spitzen Stift“ ausrechnen müssen, ob sie sich ein drittes Kind überhaupt leisten können, weil die Kitagebühren und die Tagesmutter jeden Cent auffressen, den sie übrig haben. Oder wie Thomas es ausdrückt: „Wir haben genau geplant und gespart wo es geht, aber zurzeit dürfte hier keine Waschmaschine kaputt gehen.“

 

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