Drehbericht: Amelie und Markus

Als wir kamen, saßen Amelie und Markus auf ihrem kleinen Balkon an einer Ausfallstraße und frühstückten – ein ganz kleiner Moment des Verschnaufens, der so normal aussah in einem Elternleben, das jetzt und in Zukunft alles andere als normal verlaufen wird.

Denn Amelie, die wie so viele anderen Mütter schwanger einfach nur „guter Hoffnung“ war, brachte vor fast zwei Jahren Marlene zur Welt. Marlene litt aus unerklärlichen Gründen unter der Geburt plötzlich unter einem so starken Herztonabfall, dass sie jetzt schwer körperbehindert ist und in vielen Bereichen unter ihren motorischen Einschränkungen leidet.

Für Amelie und Markus ist es immer wieder ein großer Schmerz, dass sie aufgrund ihrer großen motorischen Einschränkungen oftmals auch für geistig behindert gehalten wird, was sie keineswegs ist. Für Eltern, die so viel Zeit in die gute Entwicklung ihres Kindes investieren, emotional und praktisch ein großer Unterschied.

„Dieses Phänomen des plötzlichen Herztonabfalls ist so selten wie ein Lottogewinn – und wir hatten ihn, nur andersrum.“, sagte mir Amelie dann im Gespräch in ihrer tapferen Art. Einem Gespräch das mir so nahe ging, dass ich gar nicht recht nachfragen mochte, denn es zerreißt einen – zumal wenn man selbst Kinder hat.

Wir begannen das Interview dann allein, ohne die kleine Marlene, denn die war in der Kita. Während der ersten Minuten des Gespräches dachte ich die ganze Zeit : Wie bringen sie es übers Herz, so ein schutzbedürftiges Kind in die Krippe zu geben? Ich meinte das nicht verurteilend, sondern ertappte mich einfach dabei, wie mir der Gedanke das Herz brach, wie wehrlos ein Kind ist, das nur am Boden liegen und sich kaum mitteilen kann. Aber dann erfuhr ich mehr aus dem Leben der Drei und mir wurde schlagartig klar: Ohne diese Pause am Tag, würde Amelie diese Aufgabe, die sie ihr Leben lang begleiten wird, nicht bewältigen.

„Und die fast zweijährige Marlene, wie geht es ihr damit?“, fragte ich Amelie. Ihre Antwort: „Ich kann Marlene hier nicht den ganzen Tag beschäftigen. Ich kann mit ihr nicht Bauklötze bauen, sie kann mir nicht helfen, den Geschirrspüler auszuräumen, wir können nicht auf den Spielplatz gehen. Die anderen Kinder sind die einzige Ablenkung, die ich ihr neben vorlesen und kuscheln bieten kann.“

Unvorstellbar und so nachvollziehbar.

Ich ziehe meinen Hut vor der unglaublich ruhigen, klaren, abgeklärten Art mit der Markus und Amelie sich der Aufgabe stellen, die sie sich so nicht ausgesucht haben. Partnerschaft hat hier noch einmal eine ganz andere Bedeutung für mich bekommen. Im Badezimmer der beiden hängt dieser Spruch des Dalai Lama: „Man darf nicht trübsinnig und mutlos werden. Das bringt gar nichts.“ Eine Mammutaufgabe.

Bis heute geht mir das Gespräch nach. Durch diesen Drehtag wurde sie mir noch einmal so klar vor Augen geführt: die neue Dimension von Verletzlichkeit, die mit der Liebe zu unseren Kindern einhergeht. Der Schmerz, wenn Ihnen etwas angetan wird.

Diese Sorge um unsere Kinder ist das, was einen am unvorhergesehensten trifft, wenn man Kinder bekommt. Das Gefühl riesiger Verantwortung für ein ganzes Leben. Verlustängste bis dahin ungeahnten Ausmaßes. Wie muss es Amelie erst gehen mit einem Kind, das ihr Leben lang auf ihre Hilfe angewiesen sein wird?

Und wie muss es ihr gehen, wenn sie von der Diskussion „Regretting Motherhood“ hört? Frauen, die bereuen, Mutter geworden zu sein, weil es ihr Leben zumindest beruflich zum Nachteil verändert hat, weil sie sich in der Mutterrolle gefangen fühlen. Amelie ist Ärztin – theoretisch. Praktisch wird sie sich den Rest ihres Lebens wesentlich mehr als die meisten von uns gemeinsam mit ihrem Mann Markus um ihr Kind kümmern müssen ohne das je „alles wieder gut“ werden wird. Sie hat es sich weiß Gott auch anders vorgestellt, aber eine Laune der Natur hat alles anders kommen lassen. Bereuen? Was bringt ihr das? Und was bringt es Markus, der ehrgeiziger Unternehmensberater war und ist und jetzt auf 80 Prozent arbeitet, weil es einfach sein muss?

Ich dachte zum ersten Mal: Ja, ich selbst würde immer wieder Kinder bekommen, es macht mich größtenteils glücklich – ABER es ist unehrlich nicht auch darüber zu sprechen, wie groß die Verantwortung, wie groß der Druck und wie massiv die Veränderung ist, vor allem weil eben NICHT immer alles glatt läuft.

Kinder zu bekommen, ist ein Akt ungeheuren Mutes – das ist mir durch diesen Tag wieder klar geworden. Es ist ein Wagnis und kann Eltern vor die härteste Belastungsprobe ihres Lebens stellen. Es birgt Risiken, da gibt es kein Vertun. Und es ist unumkehrbar – man hat sich dafür entschieden und trägt die Folgen; die guten wie die schwierigen.

Und dennoch: Als Marlene dann später mit Markus nach Hause kam, dieses blonde, weiche, wahnsinnig süße, sanfte Mädchen mit den fragenden Augen – da war eben auch klar, was Elternsein noch bedeutet: dass es unbeschreibliche Glücksgefühle auslösen kann, diesen kleinen Wesen Momente des kleinen Glücks zu bescheren. Ohne diese Momente wäre Kinderhaben, zumal unter diesen Umständen, eine unlösbare Aufgabe. Markus und Amelie erleben trotz allem Kummer und aller bürokratischen Rennerei und Nerverei viele schöne und auch wirklich lustige Momente als Familie. Und diese Glücksflashes sind es, die so schwer zu vermitteln sind gegenüber allen, die sich auf dass Wagnis Kinder nicht einlassen.

Menschen, die sich für Kinder entscheiden, entscheiden sich dafür, ein Leben lang für andere zu sorgen – auf die eine oder andere Art. Ohne vorher alles zu bedenken. Schon allein dafür müssten sie eigentlich vorab das Bundesverdienstkreuz erster Klasse bekommen.

Weil das erstmal nicht in Aussicht steht, hat Markus in der Wohnung Zettel mit kleinen Botschaften aufgehängt für Amelie, die das meiste allein wuppt. Auf einem steht einfach: Danke!!!

Teilen