Die 70 Stunden Nanny

Ich bin gerade auf der Suche nach einer Kinderfrau und habe am Telefon folgendes Vorgespräch mit einer sehr netten, circa 50jährigen Bewerberin geführt, ein Auszug: (Seit dem Gespräch gehen mir folgende Dinge durch den Kopf: Gibt es für Ärzte oder Pflegepersonal so etwas wie Vereinbarkeit? Und: wieviele Familien machen es so? Und reden gar nicht gross drüber… )

„Könnten Sie in Ausnahmefällen auch mal um 7 Uhr anfangen? Falls mein Mann und ich beide vor Schulanfang los müssen?“

„Das ist überhaupt kein Problem. In meinem letzten Job habe ich auch um 3 Uhr angefangen, wenn es sein mußte. Ich habe dort oft übernachtet, manchmal auch an den Wochenenden. Ich bin da flexibel.“

„Ok, also 3 Uhr wird es bei uns nicht, keine Sorge. In welcher Branche sind denn ihre letzten Arbeitgeber beschäftigt, wenn ich das fragen darf?“

„Die sind beide Mediziner. Er in der Forschung und sie als Chirurgin. Eine Tochter. Und beide haben Vollzeit gearbeitet.“

„Wieviele Stunden in der Woche waren Sie denn da? “

„Meistens an die 70 Stunden.“

„Achso…das wären bei uns allerdings sehr viel weniger Stunden…. Wie alt war denn das Kind, als sie dort angefangen haben?“

„Eine Woche.

Jetzt ist sie zwei Jahre alt.“

…..Gesprächspause….

„Dann haben Sie sicher eine sehr enge Beziehung zu der Kleinen?“

„Das kann mal wohl sagen. …Aber irgendwann muss ich ja wieder neu anfangen.“

„Und warum haben Sie dort aufgehört?“

„Die Kleine geht jetzt in die Krippe des Krankenhauses, da kann man sie zu jeder Tages- oder Nachtzeit abgeben. Und die Familie hat sich zusätzlich ein Au-Pair geholt. Da war ich jetzt überflüssig.“

„Wie ging es denn der Kleinen mit dem Abschied von Ihnen?“

„…..ach, ich kann nur schwer drüber reden….Vielleicht vergisst sie ja alles wieder. Es heißt ja, die erinnern sich erst ab 3 Jahren…“

Aufgeschrieben von

Lisa Ortgies

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Lisa Ortgies ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie war nach ihrer Ausbildung an der Henri-Nannen-Journalistenschule zunächst als freie Printjournalistin für verschiedene Zeitschriften tätig. Gleichzeitig begann sie als TV-Autorin und Moderatorin für das Kulturmagazin des NDR zu arbeiten und präsentierte kurze Zeit später die Sendung „frauTV“ im WDR...Weiterlesen

 

 

 

 

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