Der Familienhund – oder „Angst fressen Seele auf“

Eine Kindheit ohne Hund ist möglich, aber sinnlos. Davon war ich immer überzeugt. Als ich klein war, hatten wir immer Hunde und so gehörten sie für mich zu einer guten Kindheit.

Zugegeben, es war zunächst auf dem Lande, und da ist ja angeblich immer alles einfacher. Aber wir hatten halt Hunde (einen nach dem anderen, auch mal zwei) und die haben halt irgendein Hundefutter gefressen, gepupst und sind abgehauen sobald sie ein Reh von hinten sahen. Dann hat sich mein Vater kurz geärgert und hinterhergeschrien, aber irgendwann kam der Hund allein und glücklich zu Hause angetrabt und schlief drei Stunden. Und wenn einer von uns Kindern traurig war, hat er sich zu ihnen in den Korb gelegt, geheult und seine Tränen am Fell getrocknet. Das war schön.

Aber aus heutiger Sicht, mit heutigem Wissen weiß ich: ES WAR FALSCH. Und zwar alles!

Es ist nämlich so, dass WIR jetzt einen Familien-Hund haben. Ich war so naiv zu glauben, es könnte einfach so schön sein wie früher. Aber da habe ich die heutige Wissensgesellschaft – und wohl auch mich selbst unterschätzt. Erstens: Kinder dürfen Hunde kaum nicht richtig anfassen, weil die Würmer haben könnten. Zweitens: Wenn ein Hund pupst, wird er falsch ernährt und das kann ganz schlimme Folgen haben: die Sehnen, die Knochen, die Hüfte, die Nervenbahnen, alles hin dann. Riesige Tierarztkosten drohen und damit quasi schon die Privatinsolvenz. Und wehe man ruft dem Hund mehrfach seinen Namen hinterher obwohl er partout nicht kommen will: dann hat man das ganze Rudelverhalten des Hundes nicht verstanden und sich zum Horst gemacht. Der Hund wird einen dann NIEMALS als Rudelführer akzeptieren. Wenn der Hund dann erst einmal mit „auflehnendem“ Verhalten anfängt: z.B. aufs Sofa springen oder im Alter von 12 Wochen an der Leine zu knabbern, ist die Verhaltensstörung vorprogrammiert und der Hund als Familienhund quasi erledigt.

...und wir tun es doch. Rock'n Roll!

…und wir tun es doch. Rock’n Roll!

Ich weiß das alles, weil ich jetzt, nach einigen Wochen als erwachsene Hundebesitzern, allein über hundert Euro für Hundeliteratur ausgegeben habe. Das Ergebnis: Ich weiß wirklich viel über Hunde, ihre optimale Ernährung, ihr Rudelverhalten und Hundeerziehung – aber der Spaß und die Unbekümmertheit, die Lässigkeit, die dumme süße Liebe, die Zärtlichkeit, die ich erinnere, all das ist futsch.

Und je größer dieses Unbehagen wird, desto mehr kommen die Erinnerungen hoch wie es damals war, als wir das erste Kind bekommen hatten. Wir hatten uns einfach gefreut und gedacht, wir kriegen das schon hin.

Aber dann kamen die Tipps und die Bücher. Ich habe so viel kluges, bedenkenwertes und richtiges damals gelesen, ja auch viel Schrott, aber eben auch vieles, was mir sehr einleuchtete. Als wissbegierige Journalistin und Perfektionistin habe ich damals alles verschlungen zum Thema Babybrei, Babyschlaf, Erziehung, Neurologie, Gehirnentwicklung und so weiter und so fort – ach ja, und über Mutterbindung und Bauchgefühl, denn beides ging mir nach dem ganzen Kopfzermartern, wie man es richtig machen sollte, irgendwann vollständig ab.

Ich hatte schließlich nur noch Angst. Vorm plötzlichen Kindstod, vor Pseudokrupp, vor einem Kind, das entweder an einem Muffin ersticken oder jahrelang nicht durchschlafen wird. Angst davor, zu kurz gestillt zu haben oder zu früh mit Obstbrei angefangen zu haben. Dann die Angst, es bei der Kinderbetreuung falsch zu machen, die Frage Fieberzäpfchen ja oder nein. Impfen ja oder nein? – ich könnte endlos weitermachen. Wer mehr Problemthemen braucht kann sich gern das Inhaltsverzeichnis jeder Mütter-/Eltern-/Hundezeitschrift ansehen.

Viele kluge Menschen haben über all diese Themen geschrieben, auf der Grundlage von gut gemeinter, ernsthafter Forschung. Und als aufgeklärter Mensch will man sich ja Erkenntnissen nicht verschließen, die einem selbst oder dem Kind helfen könnten – oder eben dem Hund.

Aber manchmal, wenn meine Kinder beim Zahnarzt ernsthaft eine halbe Stunde darüber aufgeklärt werden, wie man sich mit einer elektrischen Zahnbürste richtig die Zähne putzt, bei einer Frau, die dafür eigens eine Zusatz-Ausbildung gemacht hat – manchmal, in solchen Momenten eben oder wenn ich für meinen Hund (!) einen Smoothie mache, denke ich: Es kann doch nicht richtig sein, dass man sich nach dem Genuss all dieses wissenswerten Wissens am Ende nur noch fühlt wie ein lahmer Computer, der nicht in der Lage ist, alle verfügbaren Daten richtig zu verarbeiten.

Was für ein Stress und so viele unnötige Ängste obwohl noch gar nix passiert ist.

Was die Antwort ist? Keine Ahnung. Abends zum Yoga hetzen hat mir nicht geholfen. Nichts mehr lesen? Fühlt sich auch falsch an, aber wäre ein Anfang.

Prioritäten setzen vielleicht? Das könnte was sein. Und den Rest einfach schleifen lassen. Klingt großartig! Mal sehen.

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