Gastbeitrag „Alltag? Die absolute Ausnahme!“ von Christine Finke

In meiner Küche hängen drei Stundenpläne. Ich habe nämlich drei Kinder (6, 9 und 15), die ich ganz alleine großziehe, und kann mir zwar merken, wer von meinen Kindern welches Pausenbrot mag oder verschmäht, wo und wie es gerne gestreichelt wird beim Einschlafen, und ob und welchen Kummer es gerade hat. Natürlich haben wir auch einen Küchenkalender, in dem Termine stehen, und obendrein hängt eine große Schiefertafel im Wohnzimmer, auf der wir To dos notieren: Geschenke für Kindergeburtstage einkaufen, Deadlines für meine Arbeit als freie Journalistin, Babysitter anrufen, Steuererklärung machen…

Soweit, so gut. Man sieht, ich tue mein Bestes, um Struktur in den Alltag zu bringen, bzw. das Ausbrechen von Chaos zu verhindern. Aber trotzdem gelingt mir das nicht. Es ist wirklich komplett verlorene Liebesmüh. Jeden Tag ist irgendetwas anders als geplant, sei es, dass ein Kind krank ist und nicht zur Schule kann, ich statt freiberuflich zu schreiben zum Kinderarzt muss, die Jüngste nicht mit dem Nachbarskind zur Schule laufen will und ich gefragt bin, der Sohn diese Woche doch keinen Nachmittagssport hat, dafür aber kommende Woche, oder die Große 4 Klassenkameraden zum Chemielernen mit an den Wohnzimmertisch bringt, wo sich die Ruhe für mein Home Office dann in Grenzen hält (das betrachte ich als Teenie-Kompliment und überhöre das viele Kichern. Arbeite ich halt später konzentriert).

Viele andere Familien werden auch von den Müttern im Alleingang organisiert, das ist in Deutschland leider noch normal, und auch sie hangeln sich größtenteils täglich am Rande des Vereinbarkeits-Abgrunds entlang, ich weiß das aus Erzählungen, Mails und von Kommentaren im Blog. Was die Sache für mich ein Level schwieriger macht, ist die Tatsache, dass ich die komplette Verantwortung alleine schultere. Und dass hier kein zweiter Mensch ist, der sich nicht nur für die praktische Organisation des Tages interessiert, sondern auch für das seelische Wohlergehen der Kinder. Oder gar für meines.

Der Alltag, genauer gesagt meine Vorstellung davon, wäre so etwas wie ein Aufatmen – das Gefühl, die Dinge im Griff zu haben, dass alles läuft, und der Tag gut zu bewältigen ist. Und genau diese Idee loszulassen war komischerweise der Schlüssel zu einer wesentlich entspannteren Heransgehensweise ans Leben mit Kindern: „Wer exakt plant, irrt genauer“ (oder so ähnlich), las ich neulich auf twitter. Das fasst meine Einstellung recht gut zusammen: Zu sehr an Plänen und Strukturen zu hängen, macht unfrei und stresst.

„Ich habe keinen Alltag.“ Seitdem ich mir das gesagt habe, ist alles viel leichter. Ganz, ganz selten, etwa 2 Mal im Jahr, wenn alles genauso läuft, wie ich mir das gedacht habe, halte ich inne und bestaune das Wunder: Ein Tag, der sich wie Alltag anfühlt! Wow! Und dann ist es auch bald wieder vorbei, weil just an so einem Tag dann ein Anruf aus der Schule kommt, man möge bitte ein kotzendes Kind abholen. Oder ein Kunde ganz, ganz schnell einen Text braucht, oder weil Amoklauf-Fehlalarm an der Schule ist, oder weil die Katze, die 1 Jahr entlaufen war, wieder aufgefunden wurde und man plötzlich zwei Katzen besitzt, oder…

Ein Tag ohne Überraschungen ist eine Überraschung. So ist das. Ich wünschte, ich hätte das früher gewusst!


 

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